Ein Einhorn muss her!

Das war so meine Idee am Sonnabend.

Nee, war schon am Freitag.

Da hatte ich Bonnie beim Einkaufen getroffen. Beziehungsweise sie mich. Ich stand ganz unschuldig an der Kasse bei Rewe, als plötzlich etwas an meiner Jacke zuppelte. Moooment, dachte ich.

Aber es war Bonnie, kein irrer Triebtäter, der sich mich ausgesucht hatte.

Ja, und Bonnie habe ich dann erzählt, dass ich gerne Einhornweihnachtskekse backen würde. Das hatte sie gleich Katja erzählt, und dann waren die beiden zufällig bei Nanunana, und Katja hätte mir fast eins gekauft. Aber sie dachte dann, dass das Horn bestimmt immer gleich beim Backen abbricht, deshalb entschied sie sich dagegen. Natürlich nicht, ohne mir gestern davon zu berichten.

Ich also heute nach vollzogenem Werk hurtig zu Nanunana und Einhörner gesucht.

Gefunden.

Leider viel schöner als die bei Depot.

Und zweieinhalb mal so teuer.

Gut, es gab auch eins für drei Euro, aber das für fünf hatte es mir dann doch eher angetan. Das habe ich mir gegönnt. Ich Luxusluder.

Nach diesem Tag allerdings kein Wunder. Ja, ok, er fand im alltäglichen Wahnsinn statt, aber wenn das kein Grund ist, sich einen Einhornkeksausstecher zu kaufen, dann weiß ich auch nicht, was sonst einer sein sollte.

Es fing damit an, dass unsere gute Gudrun urplötzlich im Raum stand, auf meine Kakis deutete und fragte, ob ich die mit Schale esse.

Nee, ist mir zu hart. Und dann schmecken sie ja nicht.

Ja, mir auch nicht. Aber ich war letztens mal woanders, und da haben die ihre Kakis alle mit Schale gegessen. Das fand ich merkwürdig. Die anderen fanden mich merkwürdig.

Ach, Gudrun, Du bist nicht allein. Es ist völlig normal, Kakis zu schälen. Zur Not können wir auch gern eine Selbsthilfegruppe gründen.

Aber ich gründe schon eine mit Bernhard. Der ist bei uns im Büro der einzige außer mir, der keine Spülmaschine hat. Wir haben zwar die saubereren Fingernägel, aber die anderen bemitleiden uns trotzdem. Na, die wissen eben nicht, was gut ist. Abwaschen ist zum Beispiel total gut. Good old Handarbeit rockt nämlich total!

Sage ich jetzt. Wo das ganze Besteck noch einweicht.

Bis ich dahin kommen konnte, hatte ich heute schon die Mordkommission am Telefon und eine weinende Gesine im Büro. Weil ihre Tochter eine schlechte Note bekommt, und dann regt sich dieses Kind immer so auf, weil sie zwar alles kann, aber in Prüfungssituationen immer nervös wird.

Das kommt mir bekannt vor. Das hat sie von Gesine. Die wird ja auch immer nervös bei der Arbeit.

Ferner hat noch Pia angerufen. Eine halbe Stunde haben wir eine Nummer gesucht. Die brauchte sie, um sie irgendwo einzutragen. Nicht, dass wir uns nicht nebenbei noch über tausend andere Sachen unterhalten hätten…

Zum Beispiel, wo wir unsere letzten runden Geburtstage gefeiert haben. Ich meinen Vierzigsten bei Ikea, sie ihren Dreißigsten im Indoorspielplatz. So richtig mit Hüpfburg, Kindersekt und Bänderriss bei dem einen Grufti.

Ich war ja ganz neidisch. Und überlege nun, ob so ein Spielplatz nicht vielleicht genau der richtige Ort für unsere nächste Firmenweihnachtsfeier wäre. Allerdings frage ich mich auch, ob ich wirklich mit den ganzen Pädagogen auf die Hüpfburg will.

Aber es sind ja nicht alles Pädagogen. Das weiß ich, seitdem der Chef mir die jährliche Statistikmeldung vererbt hat. Da musste ich nachgucken, wer eigentlich was ist bei uns. Es gibt ja auch noch normale Erzieher. Und Psychopathen, sagte ich im Rahmen meines dazugehörigen Berichtes zu Pia.

Sie lachte. Neben mir befand sich gerade unsere Hauswirtschafterin. Und alle drei anwesenden Frauen hatten beim Fachbegriff Psychopath dasselbe Gesicht vor Augen.

Ein schöner Moment. Und wenigstens ein Trost. Wo sie doch unseren Arschlochkollegen wieder aus den USA herausgelassen haben. Der heute in meinem Büro saß und drei Leute damit beschäftigte, die Einladungskarten für den Geburtstag seiner Tochter auszudrucken.

Ich habe diesen Ort des Schreckens dann fluchtartig verlassen. Soll doch Bernhard die Verwaltungskostenpauschale in Rechnung stellen.

Obwohl… nee, kann er nicht. Das mache ja ich.

Aber ich war zu beschäftigt damit, den neuen Kollegen von meinen wüsten Traumszenarien zu erzählen. Jetzt halten die neuen mich also endlich auch für leicht verhaltensoriginell. Dabei habe ich den ganz frischen aus der vergangenen Nacht schon weggelassen.

Der wäre aber auch zu leicht zu deuten gewesen. Ich brauche Urlaub wäre die erste Aussage.

Denn ich befand mich in Begleitung einer Gruppe in einer Ferienhütte. Und beim abendlichen Nachhausekommen habe ich mich hinter der Holztür vom örtlichen Plumpsklo vor einem gewissen Idioten versteckt. Es könnte auch eine Umkleidekabine gewesen sein. Auf jeden Fall habe ich mich dahinter verborgen und ächzte dort leise unter meinen Rückenschmerzen.

Er hat mich schnell gefunden.

Aber es gab in der ganzen Hütte, die wir zusammen und irgendwie wohl zu zweit bewohnten, nur ein einziges Bett.

Oje, oje, oje.

Na, egal, ich habe einen Einhornausstecher.

Zwar fühle ich mich etwas krank, aber ich habe einen Einhornausstecher.

Für heute muss das reichen.

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Pädagogen am Wochenende

So, ein buntes Wochenende liegt hinter mir.

Eigentlich wollten wir ja mit Vanja und Heidi auf den Polenmarkt fahren. Und auf dem Rückweg in Marxdorf vorbeireiten. Da gibt es eine lustige Likörmanufaktur, in der man prima Geschenke kaufen kann. Notfalls sind es auch Geschenke an den eigenen Kühlschrank.

Aber ach, am Wochenanfang, als ich schon mit sehnsüchtigem Blick auf den nahenden Freitag schielte, fiel Heidi ein, dass sie am Sonnabend zum Geburtstag geladen ist. Und Winterreifen hat sie auch keine drauf. Schön, dass wir diesen Ausritt nur wochenlang geplant hatten. War auch ihre Idee.

Ok, so ein Geburtstag aus dem nahen Umfeld kommt ja immer sehr unverhofft, und das mit dem Winter sowieso, auch wenn man nicht bei der Bahn oder der BVG arbeitet. Da können sich solche Pläne schon mal kurzfristig zerschlagen.

Aber wir sind ja nicht von gestern, wir wissen uns schon zu helfen.

Man kann auch sehr viel erleben, wenn man zum Beispiel mit Vanja ausschließlich Straßenbahn fährt. Das haben wir gestern gemacht. Zumindest, als endlich mal eine kam.

Die Straßenbahnen hatten gestern Nachmittag nämlich eine unvorhergesehene Produktionsbesprechung. Und als die vorüber war, fuhr eine nach der anderen. Vanja und ich durften mitfahren, und die Zwischenstopps im russischen Kaufhaus und an der Glühweinauslage waren auch gar nicht mal so teuer.

Ich möchte jetzt auch nicht sagen, wie lange ich für unser gemeinsames Abendessen wieder in der Küche gestanden habe, aber es stand in keinem Verhältnis zu unserer Essgeschwindigkeit. Egal, war ein toller Abend.

Ich musste ihn nur recht früh beenden. Weil ich dermaßen k.o. war. Und weil ich heute etwas vor Mittag wieder aus dem Bett raus musste.

Katja erwartete mich. Aber wir waren nicht im Tierpark, da gehen wir dann doch bei schönerem Wetter hin. Wir waren in einer Kombination aus Tierschau und Pflanzendisko. Habe zwar die ganze Zeit meinen Fotoapparat mitgeschleppt, diesen aber aus Lichtgründen in der Tasche gelassen. Auf dem Heimweg ist dann meine Wasserflasche auf die Fototasche gefallen. Leider hatte sie sich bei dieser Gelegenheit geöffnet, so dass ich erstmal den Apparat trocknen musste.

Aber ich habe mich daran getröstet, dass ich im Shop der von uns aufgesuchten Lokalität ein Amethystherz gefunden habe. Und ich wollte schon die ganze Zeit einen Amethyst, den ich mir um den Hals hängen kann.

Amethyste helfen, klare Gedanken zu finden. Und das kann ich brauchen. Weiß ich, weil ich mich kürzlich mit dieser Materie auseinandergesetzt habe. Im Grunde müsste ich einen ganzen Sack Edelsteine mit mir herumschleppen. Für jeden Schmerz einen. Aber dann kriege ich nur wieder noch mehr Rückenschmerzen. Ich weiß auch gar nicht, wo ich die alle hinstecken sollte. Definitiv nicht in die Kleidertaschen. Nachher verliere ich noch was.

Wobei das mit dem Rücken heute echt gut ging. Besser als gestern zumindest. Weil die Straßenbahnsitze keine Sitzheizung haben. Katjas Autositze aber schon. Eine einzige Wohltat. Ich hätte bis zum Nordpol fahren können. Leider sah Katja das anders, und heute Abend gibt es ja auch einen neuen Münsterlandtatort, da habe ich gar keine Zeit für den Nordpol. Wo es ja zu dieser Zeit auch unangenehm maikühl ist. Schlecht für den Rücken.

Obwohl ich ja zugeben muss: Dafür, dass ich meine Freizeit in der näheren Zukunft vermehrt mit Orthopäden und in der MRT-Röhre verbringen werde, bewege ich mich recht flott voran.

So war ich gestern schnell noch mal eben bei Kollegin Katja zu Hause, um ihr endlich die mittlerweile etwas in meinem Bücherregal eingestaubten Bücher zu bringen. Sie wohnt natürlich ganz oben. Und in einer ganz anderen Straße, als ich dachte, was den Zugang zu meiner lieben Kollegin etwas entschleunigte.

Folgendes Bild fand ich in ihrem Multifunktionsraum vor: Am Tisch saßen Katja und Nadja, die auch mal eine Kollegin war, und kneteten mit dem Kind um die Wette. Katja hatte Knete am Auge und malte fleißig Graphiken auf, denen man die Organisationsstruktur unserer Firma entnehmen konnte.

Erst als ich wirklich, wirklich los musste, wurde es interessant, denn da fing Nadja an, von der Begegnung mit unserem wahrscheinlich schönsten Exkollegen zu sprechen. Da musste ich natürlich noch bleiben. Er hat mittlerweile drei Kinder, und zwar alle von derselben Frau, was ja in den besten Familien vorkommen kann. Aber wir konnten uns nicht erinnern, wann genau der schöne Mann aufgehört hat.

Da ich die einzige bin, die das nachgucken kann, werde ich mir wohl einen Zettel schreiben.

Darauf kann ich ja auch gleich noch mit vermerken, dass ich morgen in den Kalender von Bernhard gucken muss. Der ist am Mittwoch mit unserem Idioten verabredet. Und ich muss wissen, wann genau. Warum auch immer.

Am Dienstag hat der Idiot noch zu mir gesagt, dass er so schnell nicht an meinem Standort zu erwarten ist, weil er nicht weiß, was er da soll. Gut, das frage ich mich auch öfter, aber ich gehe trotzdem ab und an mal hin. Ich weiß nicht, was diese Geheimniskrämerei soll. Über seine Verdauungsprozesse klärt er mich auf, aber solche elementaren Informationen wie diese enthält er mir vor.

Noch so ein Grund, den eigentlich überhaupt gar nicht mehr zu erwähnen.

Und genau das habe ich an diesem Wochenende im Grunde gemacht.

Auch wenn ich schon weiß, was ich anziehen werde.

Etwas mehr als mein Amethystherz natürlich.

Das Wochenende steht!

Endlich!

Weitere zwei Planungstelefonate liegen nun hinter mir, und ich weiß endlich, was ich am Wochenende zu tun habe.

Morgen früh aufstehen, etwas aufräumen, dann ab zu Kollegin Katja, ihre Bücher vorbeibringen, die so langsam in meinem Bücherregal verstauben, danach treffe ich mich mit Vanja, denn wir wollen ins Magazin. Abend gibt es dann ein paar DVDs, und relativ spontan habe ich mich für die Zubereitung einer Ente entschieden.

Am Sonntag früh aufstehen, danach breche ich gen Westen auf, von wo aus ich mit meiner Freundin Katja in eine Pflanzendisko fahren will, was ganz gut ist, denn ich muss noch einen Film vollkriegen, bevor ich aus der Ausbeute 2017 drei Blumenkalender für 2018 für das werte Umfeld zu Weihnachten anfertigen kann.

Ich bin jetzt schon sehr erschöpft von dieser Gesamtvorstellung, aber das ist auch gut so, denn so kann ich jetzt einerseits in Würde sofort schlafen gehen und andererseits habe ich dann was zu tun und kann nicht über Scheiße nachdenken.

Den Rest des Tages verwurste ich dann morgen. Bin leider beim Baden heute sehr, sehr müde geworden. Vielleicht liegt es auch am heißen Wasser, das geht ja immer sehr auf den Kreislauf, oder an der Milch, die ich beim Baden trank.

Normalerweise trinke ich Milch nicht einfach so, aber diesmal war Eierlikör drin. Und das merkt man. Es ist gar kein prophylaktisches Stressempfinden beim Ausblick auf das Wochenende, sondern die Milch macht´s.

Zumal ich diesen Stress durchgängig positiv bewerte.

Mein Buch habe ich auch wiederentdeckt, das wird jetzt auf den letzten Metern richtig spannend.

Schön, dass ich es im Februar angefangen habe. Aber dann konnte ich wegen erhöhter Gedankenkarrussellgeschwindigkeit nicht weiterlesen, habe es nochmal von ganz vorne angefangen, und jetzt werde ich es bald zu Ende gelesen haben.

Toll, dann geht der Was-lese-ich-nur-jetzt-Stress wieder los. Aber ich habe noch gut hundert Seiten.

Wenigstens was!

Und ein tolles Wochenende liegt vor mir.

Noch was!

Um Antwort wird gebeten

Heute ist alles mal andersrum.

Gleich beim Aufwachen hatte ich schlechte Laune.

Kein Wunder, schließlich stand in meinem Traum der Kollege Bernd Nummer eins im Wohnzimmer meiner Eltern. Ich ging nackt an der offenen Tür vorbei. Und da beschwert sich doch dieser Hund, dass ihm dieser Anblick missfällt!

Dabei belästigt der uns immer mit Fotos vom sich in der Badehose am Strand. Und das sind wirklich auch keine schönen Bilder. Wenigstens hat er sich für heute gleich krankgemeldet. Er hätte meinen angewiderten Blick wahrscheinlich auch gar nicht verstanden.

Kayra war auch krank, was ganz gut war, denn so blieb es vergleichsweise ruhig im Haus, obwohl Anne zu einer großen Ansprache ansetzte, dass wir das mit ihr jetzt noch bis nach dem Jahresabschluss aushalten müssen. Aber Ruslana lenkte vom Thema ab. Erst stempelte sie recht respektlos irgendwelche Unterlagen ab, dann weinte sie ein wenig, weil der Jens uns verlässt. Und dass sie sich unbedingt seine Privatnummer besorgen will.

Na, ich glaube ja, der Jens sieht das anders. Der freut sich doch jedes Mal ein zweites Loch wohin, wenn sie mal nicht da ist. Und jeden Tag, wenn er ihre Anwesenheit erstmal überstanden hat, beklagt er sich, dass sie heute wieder besonders schlimm war.

Vielleicht sollte er mal dazu übergehen, die Tage hervorzuheben, an denen sie nicht so nervtötend war. Aber ich befürchte, dass es diese Tage nicht gibt.

Lassen wir das. Sonst war nicht allzu viel los. Wieder habe ich etwas Arbeit für morgen übriggelassen, damit ich mich nicht so langweile. Sascha fragte an, ob ich auch auf Englisch korrekturlese, aber das habe ich abgelehnt.

Bis ich die vier korrekturzulesenden vier Folien gesehen habe. Zeig mal her. Was ist ein Coordintor? Müsste das nicht Coordinator heißen?

Ok, die Sprache scheint egal zu sein. Bei anderen finde ich Fehler immer sofort. Wäre schön, wenn das bei mir auch so wäre. Aber manchmal finde ich da nachträglich noch einen. Falls ich mir den Quatsch, den ich wieder geschrieben habe, dann später doch nochmal durchlese.

Mache ich meistens nicht. Weil ich nicht denken will, dass ich wahnsinnig bin. Oder so.

Wobei ich da relativ sicher bin, dass dieser Zustand in Kürze eintreffen wird. Wenn das so weitergeht, zumindest. Denn laut Murphys Gesetz ist es ja so, dass die Dinge, die man am wenigsten will, zum Beispiel, weil man sich damit abgefunden hat, dass man sie nicht erwarten darf, dann auch zielgenau eintreffen.

In meinem heutigen Fall war es eine Nachricht vom Idioten meines Vertrauens. Der wollte mir ernsthaft erklären, dass man vor Ort ja proaktiv-präemptiv arbeiten würde, deshalb hätte ich meine gewünschten Unterlagen schon bekommen, bevor ich überhaupt daran dachte, dem zuständigen Otto meine Anforderung mitzuteilen.

Eine ganz infame Injurie! Ich hatte doch längst an Otto geschrieben. Und zwar drei Stunden, bevor der Idiot unwissentlich antwortete.

Aber ich musste dann Otto nochmal informieren, dass seine Mitarbeit nun nicht mehr erforderlich ist, damit es zu keiner Singularität kommt, die den Untergang des Universums nach sich ziehen würde.

Ich hoffe nur, der Kollege kommt mit dieser Informationsflut gut zurecht. Ich habe aber Zweifel, der ist das von mir nicht gewöhnt. Unsere Gespräche dauern höchstens zwei Minuten, denn er heißt ja nicht Idiot, und er versteht mich auch immer so kläglich. Schlecht hören kann er nämlich richtig gut, der Kollege.

Na, Hauptsache, er kann lesen.

Ach, ich werde meine Zweifel daran einfach für mich behalten.

Stattdessen antwortete ich dem Idioten noch in einer letzten Amtshandlung des Tages. Denn es hatte sich ferner in unserem Emailverkehr erwiesen, dass er doch keinen lichten Moment in seiner Vierundzwanzigstundendemenz hatte.

Fünfundzwanzig Stunden habe ich fest daran geglaubt. Und ich war ja so stolz auf ihn. Das geht ja auch platonisch.

Aber jetzt im Feierabend hat das schon kräftig nachgelassen.

Überhaupt. Ich habe auch ganz andere Pläne für heute.

Nicht um Antwort bitten, zum Beispiel.

Der Typ treibt mich noch in den Wahnsinn

Egal, welcher.

Alle!

Ich weiß jetzt gerade nicht, ob ich chronologisch, nach Priorität oder nach Dramaturgie vorgehen soll. Aber das macht nichts, ich arbeite mich einfach durch den Tag.

Heute ist auch endlich mal welche auf meinem Schreibtisch angekommen. Und zwar so viel, dass ich direkt etwas davon für morgen aufgehoben habe.

Ich hoffe nur, ich finde sie morgen wieder. Der Käse ist ja jetzt von der Treppenstufe weg, den habe ich selbst entsorgt. Und ich bin nicht sicher, ob ich meinen Arbeitsplatz ohne diesen olfaktorischen Wegweiser wirklich wiederfinde.

Obwohl… bisher hat das ja auch sehr gut geklappt. Irgendwann komme ich immer nach den ganzen Morgengesprächen mit den Kollegen auf dem Weg nach oben an meinen beiden Zielen an. Und meine Ziele sind mein Schreibtisch und Gesines Rückansicht.

Das war das Schönste am Arbeitstag: Gesine einen guten Morgen wünschen.

Dann habe ich noch eine Flasche Leitungswasser von zu Hause aufgestellt, weil wir heute eine Wassersperrung hatten und ich nicht wusste, ob meine Kolleginnen gestern daran gedacht haben (haben sie natürlich, aber wehe, ich hätte das Wasser vergessen).

Hernach schielte ich drei Stunden lang nervös aufs Handy. Mein Kind hatte heute nämlich seine praktische Fahrprüfung. Und ich hatte ihn eigentlich angewiesen, mir sofort Bescheid zu geben. Ein Durchfall wäre jetzt zwar noch nicht das Problem gewesen, weil diese Prüfung wiederholbar ist, aber wenn er sie bis Ende dieses Monats nicht geschafft hätte, wäre der Ausbildungsplatz futsch gewesen.

Entsprechend aufgeregt war ich.

Als ich es nach drei Stunden wirklich nicht mehr ausgehalten und bereits mein komplettes berufliches Umfeld meinerseits in den Wahnsinn getrieben habe, fragte ich nach. Antwort kam relativ prompt: Du erfährst es als Letzte! Hahaha! Natürlich bestanden.

Ich habe dieses Wesen höchstselbst durch meine Lenden gepresst. Und frage mich auch nach zwanzig Jahren noch ab und an, warum ich dies tat.

Aber sonst liebe ich mein Kind.

Gesine gratulierte als erste mit. Und dann noch der Rest.

Was uns dieses Kind dieses Jahr an Nerven gekostet hat! Rief Anne aus. Und Eigentlich müsste er uns langsam mal wieder einen Kuchen backen.

Das von Anne, der Leidgeprüften. Man stelle sich nur vor, ich hätte wie sie vier davon. Oder wächst man an seinem Elend? Ich denke, schon. Ja. Aber nun ist ja erstmal alles wieder gut. Mal sehen, wie lange.

Und ich muss mich ja nun wirklich nicht von meinem eigenen Kind in den Wahnsinn treiben lassen. Ich habe schließlich noch andere Kontakte.

Und Kollegen!

Seit zwei Wochen versuche ich, an die Hilfebeendigungsmitteilung für einen unserer Klienten zu kommen. Zwei Wochen lang habe ich in jedem Telefonat mit dem entsprechenden Kollegen, und es waren derer vier, darauf hingewiesen. Gestern meinte er dann urplötzlich Da musst Du Dich mal vertrauensvoll an unseren guten Otto wenden. Der hat die Hilfe gemacht. Ich war da gar nicht mehr dabei.

Steht in meinen Unterlagen anders, aber lassen wir das.

Ich also heute früh gleich nach dem zermürbenden Teammeeting an Otto geschrieben. Ich weiß ja nicht, ob die frohe Kunde schon bei Dir angekommen ist, aber ich brauche noch… dies und das… Keine Reaktion.

Und dann schickt mir der Kollege, den ich seit zwei Wochen in dieser Angelegenheit malträtiert habe und der an der Hilfe laut gestriger Angabe ja so gar nicht beteiligt war, genau diesen Kram. Ohne zusätzliche Erinnerung, dabei war unser letztes Gespräch zu diesem Zeitpunkt schon fünfundzwanzig Stunden her. Er hat aber eine Vierundzwanzigstundendemenz.

Ich war erstmal sehr verwirrt. Und ich habe auch während des Tagesrestes nicht aufgehört, meinen Kopf zu schütteln.

Auch wenn sich die Ursache dessen in den letzten Stunden noch weiter ergänzt hat.

Ich hatte ja heute den ersten Besuch der Woche da. Der Steuermann meines Vertrauens. Ganz angeregt haben wir miteinander geplaudert, als ihm plötzlich einfiel, dass er ja nach Hause muss. Irgendwann in sehr naher Zukunft. Aber wir wollten eigentlich noch etwas essen. Mitten im Satz raffte er sich also zu einer aufrechten Sitzhaltung auf und sprach Wann gehst Du jetzt endlich mal in die Küche?

Äh… ja. Klang sehr merkwürdig in diesem Kontext. Der musste gleich meinen Computer auffrischen, denn damit kenne ich mich als Frau ja nicht so gut aus. Nein, ich kann sehr gut Kochlöffel schwingen. Sie sind aus Holz.

Den Küchenspruch ist der Kollege dann den Rest seiner Anwesenheit nicht mehr losgeworden. Vor lauter innerem Aufruhr habe ich gleich noch Bad und Küche geputzt. Auf den Knien, wie sich das gehört.

Aber jetzt, so aufgeschrieben, sieht das alles gar nicht mehr so sehr danach aus, als würde ich endgültig in den Irrsinn abdriften müssen.

Doch die Gesamtsumme der Einzelvorfälle gereicht mir schon zu einem herzhaften Augenrollen. In zwei Fällen aber eher wohlwollend.

Der Y-Chromosomträger Nummer zwei interessiert mich ja gar nicht mehr. Da bleibt mir wirklich nur noch mein Kopfschütteln.

Zu einem guten Teil vor allem über mich selbst.

Aber das muss ja auch mal sein.

Feuerprobe nicht wirklich bestanden

Obwohl… jetzt geht es wieder.

Ich war doch heute beim großen Teammeeting mit allen Kollegen, die es gibt. Ganz wichtig, dass ich da war. Schließlich wollte ich in erster Linie wissen, ob es Weihnachtsgeld gibt oder nicht. Ok, ich wusste es schon vorher, weil ich einen direkten Draht zu Anne habe, aber so rein offiziell war das mein Hauptbeweggrund.

Die Sehnsucht nach allen Kollegen, die es gibt, habe ich meinem Team gegenüber aber verschwiegen. Manche davon mag ich ja echt gerne.

Die Katjas und Pia zum Beispiel. Mit denen habe ich auch diverse Gespräche zelebriert.

Meine Katja, die ich eigentlich in den letzten Tagen schon vor meiner Tür gewähnt hatte, hatte meine entsprechende Einladung noch gar nicht gelesen, konnte es also gar nicht gewesen sein. Jetzt will sie am Donnerstag herkommen.

Man weiß, was ich morgen Abend machen werde. Nicht übertrieben, aber so, dass ich mich nicht vor mir selber schäme.

Mit der Katja von meinem Idioten hatte ich auch ein nettes Klogespräch. Über DDR-Klopapier. Das war so hart, das musste man erstmal ordentlich zerknittern und aneinanderreiben, damit es schön weich wurde. Wusste ich noch gar nicht. Da musste ich erst einundvierzig Jahre alt werden und die DDR mitsamt ihrem Klopapier schon tot, dass ich das noch von Katja lerne.

Du, wir haben immer die ausgelesene Lausitzer Rundschau kleingeschnitten und neben unser Außenplumpsklo gelegt. War so. Aber wir hatten drinnen natürlich auch ein richtiges Wasserklosett. Setzte ich noch nach, um zu dokumentieren, dass ich jetzt nicht unbedingt aus einem Entwicklungsland stamme, während Katja Zeit ihres Lebens oben im goldenen Berlin immer Zugang zu sehr vielem hatte.

Und so standen wir noch ein wenig vor der mittlerweile freigewordenen Kabine.

Warum stehen wir eigentlich hier rum?

Na ja, beim Pullern unterhalten… Katja war da etwas skeptisch.

Ach, weißt Du, seitdem sich unser Chef auch mit mir durch die geschlossene Toilettentür unterhält, bin ich da relativ schmerzfrei.

Wobei hier definitiv eine Grenzüberschreitung stattfindet.

Ja, aber wir sind es ja nur, wir können auch durch die Wand miteinander sprechen. Das Bleibt ja in der Familie habe ich mir dann aber aus logistischen Gründen geklemmt.

Und das Internet bei Katja und Konsorten funktioniert auch wieder.

Dann lief ich dem Idioten in die Arme. Und zwar relativ direkt. Na… lautete meine Begrüßung. Sehr sinnig! Leider, oder vielmehr Gottseidank, stand Pia an unserem gemeinsamen Zielort, bei der ich dann hängengeblieben bin. Dem Idioten hat aber wohl diese Gruppe nicht gefallen, und er stellte sich etwas abseits von uns, grinste mir hinter Pia hervor zu, und ich weiß nicht, was das bedeuten soll.

Wahrscheinlich gar nichts, aber man kennt mich ja, ich denke sehr viel nach. Auch und vor allem über sowas.

In der nächsten Pause stolperte ich schon wieder über den. Wir wurden aber von Bernhard gestört, der sich Sorgen machte, dass ich morgen krank sein könnte, weil ich heute ja noch zum Orthopäden gehen wollte.

Nee, ich bleibe nicht zu Hause. Stell Dir mal vor: Da liege ich den ganzen Tag nur rum und gucke an die Decke. Und dann sehe ich die Spinnweben. Nee. Nee. Da komme ich doch lieber arbeiten.

Sprach´s und entfloh dem Gespräch. Der Idiot fand diese Anmerkung offensichtlich merkwürdig, denn er hat den Bernhard ganz komisch angeguckt. Na, wenigstens hat er dabei noch gelacht und nicht einfach nur mit der Hand vor der Stirn herumgewedelt.

Habe leider in diesem Augenblich vergessen, darauf hinzuweisen, dass ich das sehr wohl mitgekriegt habe. Und morgen weiß der das doch wieder nicht mehr! Ich werde seine Ausrede wohl nie erfahren. Könnte aber mal Bernhard fragen. Aber das würde ja wieder den Eindruck erwecken, dass mich das interessiert.

Ich habe den Vorfall mit Vanja und mit Heidi durchgesprochen, und beide meinten, dass das eine ganz normale Anmerkung von mir war und dass der da gar nicht so doof zu gucken braucht. Außerdem hat er das morgen um die Zeit ohnehin vergessen, aber das erwähnte ich ja bereits.

Ich glaube sogar, das war eine Stunde später schon wieder weg aus diesem Kopf, denn da haben wir uns – beim dritten Übereinanderstolpern an diesem Tag – schon wieder recht normal unterhalten.

Zwanzig Minuten lang.

Auf der Straße.

Ich habe freilich nicht auf die Uhr geguckt oder die Stoppuhr laufen lassen. Aber ich habe es daran gemerkt, dass ich drei Busse fahren lassen habe.

Er aber auch.

Und was ist passiert? Nachdem ich nun so schön weg war von diesem Typen, war ich danach wieder total frustriert. Unzufrieden. Den Tränen nah. Warum auch immer. Haben will ich den zwar immer noch nicht mehr, aber eine gewisse Grundfaszination bleibt mir wohl noch eine Weile erhalten.

Hoffentlich sehe ich den so schnell nicht wieder! Ich muss mich mental weiter festigen. Vielleicht klebe ich mir wieder meinen schönen Zettel mit der Aufschrift Der Idiot ist ein Idiot! an die Tür. Der hat ja eine gute Wirkung gezeigt.

Und ich habe ja auch noch andere Probleme. Die Orthopädin hat mich untersucht. Jetzt muss ich erst zum MRT. Und danach wieder zur Orthopädin. Immerhin habe ich im Wartezimmer über hundert Seiten meines Buches geschafft, an dem ich seit Februar arbeite.

Es scheint sich jedenfalls kein Bandscheibenvorfall anzukündigen. Und den Rest werde ich dann sehen. Nach dem MRT.

Mit der Wochenendplanung bin ich auch seit gestern beschäftigt. Ich hatte in diesen zwei Tagen drei Telefonate mit Heidi, eins mit Vanja sowie diverse Chatkontakte mit meiner Katja.

Und weiterhin ist alles offen. Keiner weiß so richtig, was er will, inklusive mir, und ich tendiere fast schon dazu, einfach zu Hause zu bleiben. Vielleicht kommt Vanja auf einen DVD-Abend vorbei.

Damit hätte ich zwei hinreichende Gründe, um meine Wohnung wirklich mal gründlich zu putzen. Das soll ja auch bei romantisch-erotischen Verstimmungen helfen. Eine dreifache Win-Win-Situation. Also Win-Win-Win.

Und dann gehe ich mit meiner ganz privaten Katja am Sonntag in den Tierpark.

Wenn die Tierparkgärtner nicht arbeiten.

Noch mehr Win.

Und es gibt übrigens Weihnachtsgeld.

Das ist gut.

Anders könnte ich das wieselflinke Herannahen dieses Festes auch kaum ertragen.

Wer wirft so spät nach Mitternacht…

… noch Käse in den Fahrstuhlschacht?

Ach, es war ja schon wieder Montag.

Gleich beim Betreten meines Büroseitenflügels nach diesem doch recht schönen Wochenende umwehte meine Nase ein zarter Hauch von Verwesung.

Es war aber kein kleines Tier in unserem Treppenhaus verendet, sondern jemand hatte einen Käse auf die oberste Stufe gelegt. Es hatte schon etwas Erbärmliches an sich. Jener Käse nämlich, der gammelte seit zwei Wochen in unserem Kühlschrank herum. Bis sich eine besonders tapfere Kollegin ein Herz fasste, und den herrenlosen Laib zur Entsorgung in eine Tüte wickelte und in den Flur legte.

Selbst durch die Plastetüte… und ich sage immer, Käse kann nicht genug stinken.

Doch, kann er.

Auch wenn der IT-Bernhard und ich schon heimlich beschlossen hatten, den jetzt aufzuessen. Das Verfallsdatum lag auch noch in der Zukunft. Eigentlich alles kein Problem. Aber ich habe mich nicht getraut. Den Käse wieder auszuwickeln und auf mein Mittagsbrötchen zu legen. Nicht, dass dann die Küche wieder stinkt.

Im Gegenteil, ich habe auch den Kühlschrank ausgeräuchert. Mittels Kaffeepulver, welches ich in einer Schale in den Kühlschrank stellte. Dann habe ich noch einen Zettel drangeklebt, damit niemand auf die Idee kommt, das Kaffeepulver zur Zubereitung des entsprechenden Heißgetränks zweckzuentfremden.

Zum Trinken ist der Staub auch gar nicht mehr zu gebrauchen. Hab ich heute festgestellt, als Gesine gerade die Kaffeemaschine entkalkt hat, ich aber trotzdem Durst hatte.

Nachdem der eine Chef dann den berühmten Gassenhauer Wer wirft so spät nach Mitternacht noch Käse in den Fahrstuhlschacht? intoniert hatte, konnte ich den auch endlich mal fragen, wo er denn am Freitagabend war, als wir dem Konzert des anderen Chefs beiwohnten und sehnlichst auf ihn warteten.

Ich hatte mich dummerweise auf meine Couch gesetzt. Und dann kam ich einfach nicht mehr hoch. So lautete seine Ausrede.

Ok, das ist nur allzu gut verständlich, und wir haben uns ja auch ohne ihn ganz gut amüsiert. Anne hat auch gesagt, dass wir das wieder machen wollen.

Dann fragte sie mich nach meinem Facebooknamen, damit sie mir die Tanzvideos schicken kann. Aber ich hatte ja schon mehrfach gesagt, dass ich nicht mit aktiven Kollegen auf Facebook befreundet bin. Ich bin ja nicht bescheuert. Wenn diese Menschen lesen, was ich mit ihnen erlebe, reden die kein Wort mehr mit mir.

Eigentlich gar kein übler Gedanke…

Aber nee, ich will ja irgendwie integriert bleiben.

Weshalb ich heute ausnahmsweise mal meine Nachtträume verschwieg. Natürlich nur den Kollegen. Euch verrate ich gerne eine kleine Zusammenfassung. Es war aber gar nicht so spannend. Nur schnöder Sex. Zumindest etwas, das halbwegs so zu nennen wäre. Mein Sexualpartner war etwas hektischer als ich, und im Grunde kam es gar nicht zum Äußersten. Nur so eine Andeutung davon.

Dennoch zermürbend genug. Schließlich geschah das Ganze unter Mithilfe eines weiteren Kollegen.

Und ich meine hier nicht Hannes, der mich am Telefon einmal durch das Büro scheuchte, weil er ein Fax einer Rechnung von ihm selber brauchte, um sie bei Obi vorzeigen zu können, und bei dieser Gelegenheit merkte er noch an, dass er noch nie in seinem Leben gefaxt hätte. Und dass ich ihn ganz fertig mache.

Klar, Du mich ja nie. Ich weiß nicht, ob er meinen leicht ironischen Unterton realisiert hat. Aber es stimmt: Der Typ macht mich noch fertig.

Im positiven Sinne.

Leider.

Einmal Mutti und zurück

Da war ich heute. Eigentlich sollte man vor so einem Besuch drei Tage lang nichts essen. Und drei Tage danach auch nichts.

Aber wir haben uns ja auch bewegt. Im Stechschritt, weil ich nicht langsam laufen kann. Liegt am Rücken.

Es ist niemand gestorben. Sonst stirbt ja immer einer aus dem Dorf weg, und meine Mutter informiert mich darüber. Diesmal nicht. Nur Herrmanns Gisela aus unserer kleinen Örtlichkeit scheint erblindet zu sein.

Sie sah meine Tante Christiane auf dem Fahrrad durch das Dorf reiten. Und dann fragte sie meinen Vater, ob ich das gewesen sei.

Meine Tante ist sechzig! Und strohblond. Und bei aller Liebe: Ihr Hinterteil hat eine eigene Postleitzahl. Weil mein Vater zuweilen ganz cool sein kann, hat er ihr das auch so gesagt.

Danke, Vati. Auch wenn er nicht weiß, welche Summen mein endlich überreichtes Geburtstagsgeschenk beinhaltet hat. Ich werde dazu gar lieblich schweigen. Obwohl ich mir mit dem Schein in der Parfümschachtel einen mittelgroßen Wunsch erfüllen werde.

Ich weiß auch schon, welchen. Mein Kleid. Das ich schon jeweils in rot und schwarz besitze, muss auch noch in lila her. Aber das hat Zeit. Bis Weihnachten bestimmt.

Auch sollte ich im Moment nicht an so schnöde Sachen denken, immerhin war ich heute schon auf dem Friedhof bei Oma, wo ich erstmal mit feuchten Augen ihren Stein freikratzte. Vielleicht denke ich beim nächsten Mal auch daran, ihr ein paar Blumen mitzunehmen. Denn dafür, dass man auf der Urnenwiese eigentlich keinen Zierrat hinterlassen darf, stehen da sehr viele Blumen herum.

Auch zarte Engelsgeschöpfe aus irgendeinem strahlend weißen Material findet man zuhauf auf den Steinen. Nur meine halbblinde Mutter hielt einen Engel für ein altes Taschentuch. Und wollte gerade ordnend eingreifen, als es ihr dann doch noch auffiel.

Zum Ausgleich sind wir dann noch eine Runde durch den örtlichen Park marschiert. Das heißt, früher war das alles Park, heute stehen am Übergang zum Sichtbereich des Schlosses gar lustige Schilder. Sie verlassen jetzt den Wald. Sie betreten jetzt den Park. Steht da. Untermalt von drei Baumabbildungen.

Solche Hinweisschilder braucht man. Vor allem in einem Areal, das von mir schon immer komplett als Park eingestuft wurde, aber lassen wir das.

Ich will jetzt eigentlich ins Bett, denn ich bin recht früh aufgestanden.

Und zu viel gegessen haben wir auch. Es gab sogar Wein zum Mittag. Hernach fühlte ich mich ordentlich angetrunken. Aber das kann auch an der Esszimmertapete meiner Eltern gelegen haben. Die ist recht markant gestreift, und mir wird immer ein wenig schwirbelig davon.

Ich habe versucht, ein Kontaktfoto meiner Mutter vor diesem Hintergrund zu machen, aber es blieb beim Versuch. Vor dieser Tapete kann man keinen Menschen vernünftig abbilden. Gottseidank saß ich vor der neutralen Seite. Das Foto, das meine Mutter zu ebendiesem Zweck gemacht hat, war schon wesentlich besser. Es gefiel mir sogar. Und ich hoffe, sie zeigt es mal Herrmanns Gisela.

Nur, damit sie sieht, dass ich immer noch nicht blond bin.

Und ich werde es wohl nie sein, denn blond steht mir einfach nicht.

Aber das ist ok.

Damit komme ich gut zurecht.

Wahre Künstler weinen in solchen Momenten

Alles, was die vergangene Woche an mir verbrochen hatte, hat sie gestern wieder gut gemacht.

Klar, ich musste erstmal arbeiten, und es war wieder sehr viel Idiotenstadl um mich, obwohl die Buchhaltung nur zu einem Drittel besetzt war, aber auch dieser Freitag fand sein Ende. Und am Abend war ich ja zum Geburtstagskonzert des Chefs geladen.

Um fünf vor acht rief Anne an Wo bist Du denn?

Zu Hause, ich gehe jetzt los, habe ich doch Kathrin extra noch gesagt.

Es stellte sich heraus, dass wir alle ordentlich aneinander vorbeigeredet hatten. Ich habe gehört, dass Anne um halb acht zu Hause losfährt. Dann habe ich errechnet, dass sie gegen acht bei Kathrin ist und ich zu dieser Zeit bequem losgehen kann, dann kommen wir ungefähr gleichzeitig an, und keiner muss sich alleine langweilen. Kathrin hatte aber verstanden, dass ich gegen acht da bin.

Und deshalb mussten wir nun also unbedingt telefonieren. Aber jede von uns hat ihren Zeitplan eingehalten. Sie passten nur nicht zueinander.

Es wurde ein schöner Abend. Gut, die erste Band braucht dringend einen Sänger. Nicht, weil der so schlecht, sondern weil keiner vorhanden ist. Die zweite Band war dann schon etwas besser. Und als mein Chef dann selbst auf der Bühne stand, habe ich endlich meinen Sitzplatz aufgegeben.

Stehen kann ich mit meinem Rücken ja nicht, aber tanzen geht.

Anne und Kathrin haben jetzt diverse Tanzvideos von mir in ihren Smartphones. Sehr schön. Sie müssen sie meiner Meinung nach aber nicht unbedingt im Büro aufführen, auch wenn der Manfred, unser ehemaliger Haushandwerker, das vielleicht anders sieht. Der aktuelle dürfte das gerne auch so sehen, aber der war nicht da.

Macht nichts. Ich hatte trotzdem meinen Spaß. Vor allem, weil ich als erste, bedingt durch einen Geheimtipp vom Chef, der meinen Gesichtsausdruck, als wir uns auf dem Flur trafen, treffsicher gedeutet hatte, die Damentoilette gefunden hatte.

Man kann unmöglich zwei Liter Bier allein durch Tanzen ausschwitzen, das muss zu Teilen auch auf konventionellem Weg erfolgen. Meine Chefin hat mir bei einem gemeinsamen Gang dann noch Toilettenpapier abgerissen. Und der Chef führte uns seinen Proberaum vor. Beim nächsten Mal zeige ich Euch dann mein Schlafzimmer.

Immer diese Musiker! Erst kommt der Proberaum, dann das Schlafzimmer. Aber der war nicht mehr ganz nüchtern. Gut, außer Anne war keiner nüchtern, aber lassen wir das. Bei mir selbst habe ich das im Nachhinein daran erkannt, dass ich die SMS, die ich an Katja, die nachgefragt hatte, ob ich denn einen netten Abend hatte, meinem Chef zum Gegenlesen zeigte.

Normalerweise mache ich das nicht. Aber es stand auch drin, dass ich keinen netten Abend hatte, sondern einen großartigen. Und dass das nächste Konzert am zweiundzwanzigsten stattfindet. Ich habe auch schon ein Lied für Katja und Heidi bestellt.

Da fiel ihm, und zwar zwei Minuten nach Versenden des Termins an Katja, ein, dass der zweiundzwanzigste auf ein bislang unbekanntes Datum verschoben wird. Hätte er ja auch gleich sagen können.

War wahrscheinlich zu beschäftigt damit, über den Witz von Kathrins Mann zu lachen. Der ging so: Ich holte mein Telefon aus der Tasche, und der Mann fragte mich, wie viele Angebote ich dafür schon von den Museen dieser Welt erhalten hätte. Ich verteidigte mich damit, dass ich aus umweltpolitischen Gründen warte, bis es kaputtgeht. Aber so ein altes Modell ist für die Ewigkeit gemacht, das geht niemals kaputt. Ich habe auch hierfür diverse Angebote erhalten, aber abgelehnt. Größere Ausgaben spare ich mir jetzt. Habe immerhin gestern Abend zehn Euro für den Austragungsort unserer Abendveranstaltung gespendet.

Ich wollte allerdings auch mal aus dem Blickwinkel von Manfred heraus.

Ich muss aber auch mit meinem Computerspezialisten über mein Word sprechen. Nicht nur, dass es zu doof ist, mit meiner Sprache umzugehen, so behauptet es beinahe täglich, dass es etliche Worte meines Sprachgebrauchs nicht gibt, auch friert es sich des Öfteren ein. Und ich weiß nicht, warum.

Immerhin habe ich heute herausgefunden, wie man verlorene Dateien wiederfindet. Nach siebenhunderteinunddreißig Wörtern, von denen es den Großteil in der Welt meines Words doch zu geben scheint, fror es sich ein. Nichts ging mehr. Ich habe jeden möglichen versehentlich ausgeführten Tastendruck irgendwie versucht, erneut auszuführen. Nichts.

Da war mir dann doch wieder zum Heulen. Aber nicht ganz. Der Impuls, irgendetwas kurz und klein zu schlagen, überwog. Nur nicht den Computer. Und auch nicht die Nähmaschine neben mir. Auch sonst keine Haushaltsgegenstände oder Familienmitglieder. Aber irgendwas halt.

Hab nichts gefunden, das ich für entbehrlich genug gehalten hätte. Stattdessen drückte ich eben Alt, Steuerung und Entfernen.

Und beim Neustart von Word habe ich dann gelernt, einfach mal auf Automatisch gespeicherte Dokumente zu drücken. Wieder was gelernt. Trotzdem ist das doof, wenn man jeden Augenblick damit rechnen muss, dass so ein offensichtlich kognitiv mit Pech belastetes Programm plötzlich ein Eigenleben entwickelt und nicht mehr so will, wie man selbst wohl will.

Na ja, ich werde jetzt nie wieder weinen, wenn es soweit ist, sondern mich daran erfreuen, dass es ja doch eine Lösung gibt. Seit hundert Jahren arbeite ich mit dieser Scheiße. Aber so ist das manchmal, da steht man auf einem Schlauch.

Selbst wenn man gar keinen hat.

Was dem einen seine Kartoffeln ist dem anderen sein Klopapier

Es geht voran. Heute war alles schon weniger schlimm. Ich war wieder genervter von Ruslana, und Kayra fing natürlich an, mit Anne darüber diskutieren zu wollen, dass sie gar niemandem gesagt hätte, sich krankheitsbedingt parallel dann auch noch bei ihr abzumelden.

Klar. Und wie kam die liebe Katja dann darauf? Ich meine, ich weiß, dass sie sehr viel Phantasie hat, die Kollegin, aber so viel nun auch wieder nicht. Egal.

Ruslana teilte ihr Hexenwissen mit. Nämlich: Wenn man erzählt, was man in einer Nacht von Mittwoch auf Donnerstag geträumt hat, dann wird es wahr.

Leider erklärte sie dies, nachdem ich erzählt habe, im Traum meinen Ex nebst Doppelgänger getroffen zu haben.

Beide Exemplare sahen frischverprügelt aus und verfolgten mich. Ich floh mit meinem Gepäck. Direkt zum Empfangsbereich einer psychiatrischen Klinik.

Hätte ich natürlich gewusst, dass man sowas an einem solchen Tag nicht erzählen darf… ich hätte es trotzdem erzählt. Man kennt mich ja. Anne hat das im zeitlichen Rahmen unserer Mittagspause auch gleich ausgedeutet: Ich wollte ihn nur an den Ort locken, an den der Typ gehört, und kurz vor dem Ziel einen gelungenen Haken schlagen, um für immer meine Ruhe vor dem zu haben.

Abgesehen davon, dass ich in dieser Angelegenheit meine Ruhe habe, weil der Mensch schon etwas länger her ist, war das mal eine nette Deutung.

So dümpelte der Tag vor sich hin, und dann war es schon wieder drei, und der Chef hatte zum Kaffee geladen. Er hatte mal wieder Geburtstag und die halbe Nacht für uns gebacken. Einen Ökokäsekuchen und einen Altenglischen Stachelbeerkuchen. Weil nachts um elf bei ihm keine Kirschen mehr vorrätig waren.

Gut so!

Fand auch Anne. Weil sie weiß, dass der Azubi und ich keine Kirschen mögen. Gut, ich mag auch keinen Kuchen, aber wenn der Chef Geburtstag hat… aus Anstand…

Überhaupt sind der Azubi und ich uns ernährungstechnisch recht einig.

Was koche ich denn heute nur? Rätselte ich im Auto auf dem Weg nach Hause. Gestern gab es Lachs und vorgestern Huhn.

Gemüseeintopf! Riet er mir.

Nee, warf Anne ein, Flora isst doch keine Kartoffeln am Abend.

Man kann ja Gemüseeintopf auch ohne Kartoffeln machen.

Ich mag eh keine Kartoffeln in Suppe. Ich mag auch keine Kartoffeln. Ergänzte der Azubi vom Beifahrersitz aus. Das heißt früher mochte ich die, aber seit seit zehn Jahren jeden Abend Kartoffeln bei uns auf dem Tisch stehen…

Alles klar. Ich höre Anne auch ständig vom Kartoffelnkaufen sprechen. Aber über mich lacht sie, wenn ich im selben Turnus über den Klopapiererwerb spreche.

Wir hatten eine lustige Fahrt. Sie kotzte sich über ihre eigene Tochter aus und stellte ihre Erziehung infrage, weil das Kind etwas missraten ist.

Ach, Anne, wenn eine Sache genetisch versaut ist, dann lässt sich das oft auch nicht mehr korrigieren. Nicht mit Prügel und nicht mit Erziehung. Tröstete ich sie.

Ihre Tochter kommt nämlich nach den Frauen der Familie ihres Vaters. Wahre Xanthippen. Selbst die eigene Großmutter täuscht eine Krankheit vor, wenn dieses Kind zu Besuch kommt. Um dann nach der Abreise eine Wunderheilung zu erleben. Kann ich verstehen. Sogar Anne versteht das, obwohl es ja auch immer noch ihr eigen Fleisch und Blut ist. Aber in diesem besonderen Fall reicht das eben nicht. Sie hat mehr Freude an ihren Söhnen.

Einer davon ist sogar so erfreulich, dass sie ihn gleich selbst ausbildet. Aber das war eine Teamentscheidung, wir wollten das alle so.

Nur an meinen Humor muss sich der junge Mann wohl noch gewöhnen. Wir erklärten ihm ein Frauenthema, nämlich das der temporär begrenzten Fruchtbarkeit und welche seelischen Schmerzen darin schlummern, aber er verstand die Problematik einfach nicht.

Das liegt an diesem verkrüppelten Chromosom! Proklamierte ich aus dem Fond des Wagens. Er schnappte beleidigt nach Luft.

Es wird wirklich Zeit, dass ich mir einen gewissen Herrn abgewöhne. Der hat mich bei sowas echt verzogen. Statt eingeschnappt zu sein, hat der ja einst erstmal gegoogelt, was für Chromosomen er überhaupt hat. Da wir zuweilen das schöne Hobby des Synchrongoogelns pflegten, machte ich gleich mit, und wir landeten bei Drosophila melanogaster.

Und da wollte er mir erklären, dass es sich dabei um die gemeine Fruchtfliege handelt.

Na, das haben wir gerne! Nicht wissen, was er für Chromosomen hat, und mir dann erklären wollen, wer Drosophila ist.

So, und diese Diskrepanz erhalte ich nun meinem Gedächtnis, so fällt es mir leichter, den Abstand aufrechtzuerhalten. Heute funktioniert das ganz gut.

Aber heute ist sowieso wirklich besser als gestern. Gestern war ich am Abend nicht mal mehr in der Lage, dem unangemeldeten Klopfen an meiner Tür nachzugehen. Gut, ich hatte gerade auch alle Arbeitsklamotten von mir geworfen, um mich in meine heimatliche Totenkopfleggings zu werfen. Ein Prozess, der zum Zeitpunkt des Klopfens noch nicht abgeschlossen war. Ich vermute nämlich, dass es meine Katja war, die endlich ihr Paket abholen wollte. Und aufgeräumt hatte ich auch nicht.

Das habe ich heute in Windeseile nachgeholt. Erstaunlich, dass sogar die Einbildung der Möglichkeit eines Besuchs funktioniert. In einer halben Stunde hatte ich sämtliche Haushaltstätigkeiten erledigt, an denen ich eigentlich schon vier Tage gearbeitet hatte. Der Mittagsschlaf fiel aus reinem inneren Schwung aus, und dann habe ich mich prompt noch an meine Nähmaschine gesetzt.

Mal eben drei Röcke geändert.

Und auch schon zwei Drittel aller Fäden vernäht.

Ich weiß gar nicht, was mit mir los ist.

Wahrscheinlich geht es wirklich voran.

Und die Richtung gefällt mir.