Paris Rom Erkner

Ach, was war das heute herrlich!

Wir saßen in der Mittagspause, und Renate wollte gern etwas erzählen. Aber ohne Sascha! Der saß am Kopf der Tafel dem Chef gegenüber und schaffte es, sie dreimal bereits beim Einatmen zu unterbrechen.

Da wurde es dem Chef zu bunt. Und er herrschte ihn an Kannst Du die anderen auch mal was sagen lassen?! Dein Mitteilungsbedürfnis ist ja heute wieder exorbitant!

Und ich so Heute?!

Laut. Und ungefiltert.

Ja, der Sascha erzählt immer sehr viel. Ich meine, so eine schöne Stimme, dass man ihm dauerhaft zuhören möchte, wenn er in der berühmten Erzählstruktur Paris-Rom-Erkner, die sonst ja eher Frauen unterstellt wird, unlustige Privatdetails zum Besten gibt, hat er nun wirklich nicht. Laut ist er auch.

Ich feiere meinen Chef immer noch.

Ferner feiere ich noch Heidi und mich, denn wir haben heute weitergeplant. Unseren teuren Ausflug nächste Woche. Weil sie nicht mit dem Auto fahren will, wird das immer intensiver, dieser Ausflug, über den ich ja nichts sagen darf, weil sonst alle anderen traurig werden. Aber das macht nichts, das muss sein.

Und der Sekt, den wir dazu konsumierten, war eh schon gekauft und damit abgeschrieben (GWG). Der musste weg.

Sowas wird ja immer so schnell schlecht. Das muss man schon zeitnah verwenden, sonst macht es keinen Spaß.

Mehr möchte ich zu heute auch schon nicht mehr sagen. Denn wenn wir mal auf die Uhr sehen… Ich muss schlafen.

Und hoffe inständig, dass ich nicht wieder von Schultern träume, die mich umarmen wollen. An und für sich wäre das ok, aber ich hätte dann gern einen ganzen Menschen. Wenn ich schon im Traum umarmt werden soll. Kann auch ein anderer sein als der Eigentümer der Schulter aus der letzten Nacht. Ich bin da gerade ganz typenoffen.

Solange das Ganze nicht in Paris, Rom oder Erkner stattfindet, zumindest.

Advertisements

Der Idiot bin ich!

Am Freitag kommt der Idiot zu uns ins Haus. Das hat mir der Bernhard im Rahmen seines Erwähnungszwangs schon angekündigt.

Gar übles Kopfkino breitete sich schlagartig aus. Und immer mitten mang meine herzallerliebsten Kolleginnen, die uns mitten im Satz ganz schamlos unterbrechen. Der Idiot lässt es geschehen. Wie unhöflich!

Dabei ist gar nicht der der Idiot, sondern ich. Weil ich viel zu viel von meiner wertvollen Lebenszeit an diese Luftnummer verschwendet habe, und man kann ja leider nichts erzwingen. Kann man schon, aber nachhaltig wäre das nicht.

Dann eben nicht! Ist ja nicht so, dass ich keine anderen Freunde habe. Mit denen ich vielleicht mal an meinem Gesichtsausdruck arbeiten sollte. Denn ich weiß jetzt schon nicht mehr, wie ich das am Freitag mit einer freundlichen Mimik hinkriegen soll. Allein beim Gedanken daran ballen sich meine versammelten Gesichtszüge zur Faust.

Weil ich bereits im Vorfeld angepisst bin.

Von einer Situation, die mich noch gar nicht ereilt hat.

Das nennt man dann Wahnsinn, oder? Zumindest die Vorboten des Wahnsinns, würde ich sagen. Na gut, ich werde darüber wegkommen. Wie gesagt, habe ich ja noch richtige Freunde, und wer einen Freund hat, braucht sich vor nichts zu fürchten. Spricht Janosch. Und teilt Katja an meiner Facebookchronik. Wo die beiden Recht haben, haben sie Recht, das kann man nur unterstützen.

Ansonsten war der Tag eher durchwachsen. Ruslana hat einen Einlauf von Anne bekommen, aber letztere hat es leider nicht geschafft, mich über die genauen Zutaten ihrer Klistierspritze aufzuklären. Renate freute sich wie ein Schnitzel über diese Maßnahme.

So sehr, dass ich zwischendurch überlegt habe, am Wochenende Schnitzel zu braten.

Dann habe ich ihr von meiner nächsten Urlaubsplanung erzählt, und dann freute sie sich nicht mehr. Denn eigentlich waren wir an einem Tag verabredet, aber das hatte ich gestern Abend schon wieder vergessen, als ich mit Heidi etwas anderes plante.

Da ich aber immer ganz lieb zu Renate bin, hat sie sich darauf eingelassen, die ganze Sache um eine Woche zu verschieben, was mich wiederum sehr freute. Bildet es doch einen Aufschub, denn ich hatte eigentlich gesagt, dass ich erst wieder mit ihr auf einen Stoffmarkt gehe, wenn die bestehenden Ballen aufgenäht sind.

Sind sie aber nicht. Weil ich keine Zeit zum Nähen habe. Entweder muss ich im Bett liegen oder am Handy spielen oder im Bett liegen und am Handy spielen. Und diese Planungsgespräche nehmen ja auch Zeit in Anspruch. Außerdem bereite ich gerade die Wohnung für den ganzen Besuch am Wochenende vor.

Ja, indem ich am Computer sitze.

Und mit dem alten Mann meines Vertrauens die Essensfrage kläre. Ich wollte nämlich eigentlich für diesen Besuch ganz viele Nudeln mit Carbonarasauce zubereiten. Für die Vegetarier noch was anderes. Aber dann sprach der alte Mann, dass es ja wohl eine Nachmittagsveranstaltung wäre, und da reicht doch, wenn ich Kuchen kaufe und abends dann die Nudeln mache, an denen er sehr gerne noch teilnehmen würde.

Jetzt kennt der mich schon so lange, und er hat immer noch keinen Einblick in meine Ernährungsgewohnheiten.

Erstens: Kuchen kaufen ist deutlich unter meiner Würde. Ich backe selbst!

Zweitens: Abends Nudeln! Tz… Wasndasfürnquatsch? Die hatte ich doch gerade erst im März. Kommt also nicht infrage.

Dann schon eher Schnitzel. Da sind mir meine Ernährungsgewohnheiten plötzlich auch völlig egal.

Aber im Grunde weiß ich schon jetzt, dass ich nach der Sitzung am Sonnabend keine große Lust mehr haben werde, noch Schnitzel zu klopfen.

Vielleicht werden es doch Nudeln. Oder irgendein Protein mit Gemüse. Eigentlich ist es zu diesem Zeitpunkt völlig egal. Aber lassen wir das. Katja hat was auf Facebook gepostet. Dass sie so entsetzt ist. Über die Existenz eines Wolfgang-Petry-Musicals. Da ich das schon wusste, dem aber keine große Bedeutung beigemessen habe, weil mich weder Musical noch Wolfgang Petry sonderlich tangieren, also eigentlich gar nicht, konnte ich wieder nicht widerstehen und musste das mit Das ist Wahnsinn! kommentieren.

Was wiederum Bonnie auf den Plan rief, die androhte, dass wir jetzt alle in die Hölle kommen. Oder wer auch immer. Ich hätte jedenfalls gern ein VIP-Bändchen für Freigetränke.

Jetzt, wo ich es sage, merke ich mit Erschrecken, dass der Aufenthalt auf Facebook mein Leben dermaßen bestimmt, dass ich gefühlt jedes Statement, das ich ins Dasein integriere, auf Facebook gelernt habe.

Das muss aufhören! Sage ich jetzt. Aber ich sehe vor meinem geistigen Auge auch schon, dass diese Diskussion mich so fesseln wird, dass ich meinen Haushalt für heute komplett vernachlässigen werde. Die Sitzung am Sonnabend muss also ausfallen. Ich schaffe es nicht, die beschlagene Ecke im Bad zu renovieren, weil ich auf Facebook bin.

Erwachsenwerden scheint echt was für die anderen zu sein.

Wer auch immer das ist.

Ich kenne ja kaum jemanden außerhalb dieser Parallelwelt.

Nee, stimmt nicht.

Kenne ich doch!

Und ein Idiot bin ich auch nicht.

Denn es irrt der Mensch, so lang er strebt.

Und so ganz eindeutig war das ja zwischenzeitlich auch alles nicht.

Und es zog sich…

Wieso klingelt der Wecker heute am Wochenende? Ach nee, ist ja erst Freitag! So ein Mist! Oh, nein, es ist Montag!

Das waren die ersten Gedanken am heutigen Morgen. Als alle drei Wecker nacheinander ihren Singsang intonierten. Erst das klassische Klingeln meines klassischen Analogweckers, der ein Eigenleben zu führen scheint und mal was sagt und mal nicht, dann mein Handywecker mit einer schönen Folkmetalmelodie, dann noch mein Handyklingeln an sich, das mit einer weiteren Folkmetalmelodie den humanoiden Wecker in Form des alten Mannes meines Vertrauens ankündigte.

Leider hatte ich nicht allzu gut geschlafen und auch gar nichts Nennenswertes geträumt.

Und ich werde auch heute nicht schlafen können! Weil ich zu aufgeregt, aufgekratzt, aufgewühlt, was auch immer bin. Nach diesem Tag.

Der Krankheitsstand war ganz angenehm, es fehlten insgesamt vier Leute von neun. Ein ruhiger Tag. Befürchtete ich, aber es war dann doch nicht so.

Nur zwischen neun Uhr sechs- und siebenundvierzig, da dachte ich, die Zeit steht still. Sie ging einfach nicht vorbei, diese Minute. Dann knackte es aber im Getriebe, und die Zeit flog nur so dahin. Ich vermute ja Flugsalbe.

Aber ich war auch hochgradig damit beschäftigt, erstmal allen das Bild vom Saunaboy zu zeigen, immer nur ganz vorsichtig, damit ich es nur ja nicht wieder versehentlich verschicke. Beim letzten Mal bin ich glimpflich davongekommen, da habe ich es nur an Vanja geschickt. Aber die helle Panik, dass ich es versehentlich an alle meine Kontakte, inklusive Saunaboy, geschickt habe, war zu groß.

Vanja konnte sich natürlich sehr gut vorstellen, dass genau das passiert war, aber ich habe ja ein gewisses technisches Verständnis. Oder einfach nur ein riesengroßes Glück.

Na, wenigstens hat der Sascha mich wieder mit mir selber versöhnt. Er erzählte sogleich eine kleine Anekdote aus seinem Privatleben, in deren Rahmen er versehentlich an seinen dicken Bruder, der sich den Oberschenkel brach, ein Video von einem Nilpferd, das recht unbeholfen einen Hang herunterrutscht, geschickt hat.

Das hat mich doch nachhaltig amüsiert.

Es wurde nur noch übertroffen durch Renate, die plötzlich im Laufe des Tages befand, dass ihr Rock zu lang ist. Ich sehe ja aus wie Erna Mischke aufm Sportplatz! Rief sie entsetzt.

Ja, so kann man ihren Look heute echt sehr gut beschreiben. Aber ich liebe Erna Mischke. Nicht nur, weil Renate heute erstmal Bau auf, bau auf intoniert hat. Das musste sie tun, weil Ruslana sich im Verlauf einer Rauchpause von uns absonderte und in einer dunklen Ecke Modern Talking auf ihrem Handy abspielte.

Nun ist es leider so, dass bei Modern Talking alles gleich klingt, was bedeutet, dass man, hat man erstmal einen Ohrwurm davon, gleich das ganze Repertoire in den Ohren herunterrattern kann.

Dankenswerterweise erschien just in diesem Moment unser Chef. Der singt zuweilen auch sehr schön. Auf Knien flehte ich ihn an, irgendwas zu singen. Aus seinem Repertoire, nicht von Dieter Bohlen. Von Thomas Anders auch nicht. Es wurde dann eines meiner liebsten Lieder, nämlich Ich kann mich nicht erinnern…

Ja, das ist so ein Dauertagesthema bei mir, obwohl mein Gedächtnis ja echt gut ist. Aber an manche Dinge kann ich mich eben nicht erinnern. Weil ich nicht will.

Das Telefon ist so eine Geißel. Da stand die richtige Nummer drauf. Ein Stromstoß glitt durch meinen Körper. Ja, der Kollege ist mir völlig egal. Nein, ich möchte den Kollegen hinter der Nummer nicht zu Hause haben. Und überhaupt… kann der mir ja so kreuzweise mal gepflegt den Buckel runterrutschen, und wenn er schon mal da unten ist, kann er mich auch gern mal an der hinteren Periphere beglücken.

Helle Aufregung also, als ich sah, wer da anruft.

Es war Otto.

Otto hatte nach vier Monaten endlich eine neue EC-Karte für sein Berufskonto bekommen. Und dann den PIN kaputtgerubbelt. Das sollte ich Anne ausrichten. Sie war aber schneller dabei, meinen Zettel nicht zu verstehen und bei Otto zurückzurufen, als sie mich um Aufklärung bitten konnte, und deshalb ging das heute fröhlich hin und her.

Was am Ende wiederum dazu geführt hat, dass ich selbst versehentlich auch noch mit Ottos wertem Kollegen gesprochen habe. Also, mit dem, den ich nicht mit nach Hause nehmen will.

Es dauerte vier Sekunden. Was an mir lag. Ok, ich habe etwas hin und her überlegt, ob ich jetzt zu unfreundlich war. Aber der Idiot wunderte sich nicht mal, dass ich so kurz angebunden war. Also war ich wohl noch nicht auffällig unfreundlich genug.

Verstehe einer die Männer!

Auch Hannes war wenig gesprächig. Den ganzen Tag habe ich darüber nachgegrübelt, warum zum Henker wir heute gleich zum Telefonieren verabredet waren. Aber er wusste es selbst, und so haben wir morgen ein Date.

Ja, weil er alleine nicht mit Excel klarkommt.

Macht aber nichts.

Hannes nehme ich auch nicht mit nach Hause.

Ich werde jetzt einfach wieder mehr mit Mädchen machen. Heidi und ich hatten heute am Telefon auch schon eine bahnbrechende Idee. Im Grunde träume ich davon schon seit Jahrzehnten. Aber wir erzählen das vorerst niemandem, damit keiner neidisch wird.

Und jetzt bin ich doch gleich ganz freudig angetan.

Nie wieder Alkohol

Also, nicht im gleißenden Sonnenschein. Ich war nach dem ersten Bier mit Katja heute dermaßen zermatscht, das traut man mir gar nicht zu.

Dabei war das alkoholfrei.

Allerdings mit guter Not. Denn der Kellner brachte mir erstmal ein falsches Bier. Ok, eigentlich war das das richtige Bier, aber ich wollte vor dem Essen nicht schon saufen.

Erst nach dem Essen.

Und das hat ja auch gereicht. Aber mit Katja war es wieder sehr schön. Wie immer ohne Notizen.

Aber ich weiß noch, dass wir einen baldigen Ausritt zu Ikea geplant und diverse Vorfälle aus unseren Leben ausgewertet haben, unter anderem das mit dem Saunaboy, den Vanja mir andrehen wollte.

Von dem habe ich jetzt nämlich ein Foto auf WhatsApp gesehen. Schon der Anblick des akkurat gebügelten, karierten Einstecktuchs in seinem Cashmereanzug löste leichte Würgereflexe meinerseits aus. Katja konnte auch nicht verstehen, wie Vanja darauf kam, dass der was für mich wäre.

Na gut, er kennt ihn im Grunde  nur nackt. Wozu ich jetzt lieber nichts mehr sage. Denn immer, wenn ich in der letzten Zeit den Mund aufmache, dann funktioniert das mit der korrekten Reihenfolge von Denken und Sprechen aufgrund meiner fortgeschrittenen Urlaubsreife nicht mehr. Aber lassen wir das.

Katja musste dann schnell nach Hause. Wegen des Tatorts. Weil ihre Mutter ihr einen Zeitungsartikel geschickt hat, aus dem Katja herausgelesen hat, dass man den doch gucken kann.

Also, ich ja nicht. Ich kam mit Mühe nach Hause. Weil ich mich von der einfahrenden U-Bahn verführen ließ. Meine eigentliche Richtung kam erst in neun Minuten, und ich dachte mir, es macht keinen Unterschied, ob ich über den Alexanderplatz oder über die Schönhauser Allee fahre.

Normalerweise macht es auch keinen.

Aber wenn die verfickte Ringbahn nicht durchfährt, dann macht es sehr wohl einen Unterschied.

Ich hätte einfach auf dem U-Bahnhof stehenbleiben sollen. So aber habe ich eine nette Fahrt in kurzen Abschnitten in Begleitung mehrerer betrunkener Flaschensammler genossen. Ich hatte jedenfalls den Eindruck, dass alle betrunken und/ oder mit einem Bier bewaffnet waren.

Na gut, ich bin nach Hause gekommen. Und das war auch gut so. Eigentlich wollte ich ja Heidi anrufen, aber es wurde nichts, weil mir das Kind per WhatsApp mitteilte, ich solle mal den Backofen vorheizen, weil er jetzt mit Anuschka aus dem Wald zurückkommt und Pizza mitbringt.

Aha.

Am Ende saßen wir so zu dritt am Tisch, und jeder guckte in sein Smartphone rein. Die Kinder (ich werte Anuschka immer als Kind mit) guckten irgendeinen Galileokram an, ich chattete mit Tina, die meine Erziehungsmethoden berechtigterweise infrage stellte und meinen Traum aus der letzten Nacht deutete.

Da war ich nämlich mal wieder auf einem Betriebsfest. Aber es war kein einziger Kollege da, nur der Thüringer Onkel nebst Freundin Tina, die beide nicht in meiner Firma arbeiten. Der Onkel sah auch verdammt glatt aus im Gesicht, während Tina merklich an Gewicht verloren hatte.

Ich suchte derweil mein Messer, das ich für gewöhnlich am Schlüsselbund mit mir herumtrage.

Die Kombination aus Kollegen und Bewaffnung fand ich höchst interessant. Aber sie waren ja nicht da. Ich suchte sie trotzdem. Gefunden habe ich nur mein Messer. Das hing an Ort und Stelle am Schlüsselbund. Es hat aber nur eine Zweizentimeterklinge, die Aggressionen scheinen sich im Zaum zu halten.

Na, auch gut. Lohnt sich eh nicht, sich an gewissen Kollegen die Finger schmutzig zu machen.

Und gut war auch, dass wir hier heute meine Couch entdeckt haben. Beziehungsweise die Couch als pädagogisches Mittel, denn Anuschkas neuer Hund hat offenbar eine gewisse Höhenangst. Sie traut sich zwar, auf die Couch zu springen, dann aber nicht mehr runter.

Praktisch beim Essen! Dann kann man dies in Ruhe tun, ohne dass einem die Füße unkontrolliert auf der Suche nach einem Kaustreifen der Marke Wuff abgeleckt werden.

Aber sonst ist der Hund sehr niedlich. Und sie wird auch langsam vernünftig. Sie geht erst zur Tür und guckt angestrengt (egal, ob es einer sieht oder nicht), bevor sie in den Flur pinkelt.

Das ist ein Fortschritt. Wenn es auch komisch klingt. Aber so manches in meinem Laben klingt irgendwie komisch, daran habe ich mich gewöhnt.

Und Ihr schafft das auch noch.

Zumindest gehe ich davon aus.

Angst ums Wochenende

Ja, kein WLAN.

Gleich zum Frühstück! Gut, beim Essen brauche ich theoretisch kein WLAN, dennoch stieg erste Panik auf. Auch wenn ich weiß, dass die bekannte Methode Ausschalten, Einschalten, fertig in der Regel ganz gute Ergebnisse bringt. Meistens nämlich ungehinderten Internetzugang, ohne den das ganze Wochenende irgendwie im Eimer gewesen wäre.

Wo sollte ich auch sonst gucken, was meine Handyhülle macht? Und wie sie aussieht. Und den Link an mein Umfeld verschicken, damit es mir sagt, dass ich richtig gehandelt habe. Es wird eine Hexe auf einem Besen zu sehen sein, und Yvonne, das Kind, Heidi und Vanja sind der Meinung, dass nur das zu mir passt.

Na, wenn sie meinen… Das Leben mit WhatsApp ist irgendwie sozialer geworden.

Auch sonst war der Tag sozial sehr interessant. Gleich früh wollte Anuschka kommen, mir ihren Hund in die Hand drücken und dann verschwinden.

Sie kam nicht.

Ich schrieb auch hierzu eine WhatsApp, und der Antwort darauf konnte ich entnehmen, dass sie leicht verschlafen hatte. Was zu einer elementaren Planänderung führte, denn so fiel ihr anvisiertes Babysitten aus, was ihr wiederum Gelegenheit gab, mal schnell zum Kaffee vorbeizukommen.

Ich ziehe mich schnell an, und dann fahre ich gleich los! Rief sie ins Telefon.

Bis sie diese, eine ganze Viertelstunde in Anspruch nehmenden, Tätigkeiten vollbracht hatte, war ich längst mit dem Frühstück fertig, hatte mehrere Liter Kaffee sowie etliches Nikotin in mich aufgesogen und mich hernach zum Mittagsschlaf niedergelegt.

Dann klingelte es aber doch, und es hat endlich jemand diese Walnusssalami gegessen, die seit Wochen unberührt in meinem Kühlschrank vor sich hin oxidierte. Sie war aber noch zu, nur, dass keiner denkt, ich würde Anuschka mit alter Wurst bedienen.

Und dann saß sie da wie Mary Poppins, nur ohne Handtasche. Aber auch so eine Hose birgt ja viel Schönes. Den alten Tabak, der gestern verschwunden war, Wunderkerzen… was diese Frau alles in den Taschen hat! Nichtsdestotrotz musste sie aber weg, und ich legte mich wieder ein wenig hin.

Hielt das aber nicht lange aus, weil meine Musik einfach zu gut ist. Da entstand gleich genug Motivation, mich für den Sport etwas warmzutanzen.

Es blieb schlussendlich beim Wochenendeinkauf. Der war spannend genug, weil die Ringbahn nur sehr verhalten fährt. Aber auch dies habe ich geschafft, wir müssen nicht hungern in diesem Haushalt. Und es sieht hier auch keiner so aus, als würde er oder sie es tun.

Einkaufen war aber auch anstrengend. Ich musste mich danach gleich wieder hinlegen. Schließlich ist Wochenende, ich muss mich ausruhen.

Ja, und im Bad renovieren, den Abwasch fertigmachen, die Blumen einpflanzen, und irgendwas wollte ich noch machen, aber das habe ich vergessen. Bin dann richtig eingeschlafen.

Als ich nach Hause kam, saß Tina mit einigen Konsorten aus unserem Umfeld im Kinderzimmer und veranstaltete irgendeine Sitzung. Ich habe aber nicht teilgenommen, auch wenn die Wohnung mit ihren zwei Zimmern einfach zu klein ist, um sich nachhaltig aus dem Weg zu gehen.

Natürlich würde ich Tina niemals aus dem Weg gehen wollen, im Gegenteil!

Wir sind dann gemeinsam weggefahren. Anuschka und unsere alte Freundin Katinka waren auch mit von der Partie. Katinka hatte sich ihrerseits nun auch einen Hund gekauft. Einen lustigen Welpen mit tarnfarben gefleckter Zunge und Schnuller, der nicht hörte. Sogar das Geburtsdatum weiß ich noch. Der fünfzehnte April 2018.

Also morgen. Ganz schön jung, der Hund. Auch war er verschwunden. Aber Anuschka war der Meinung, der weiß schon, wo er hin muss. Ja, nach aktuellem Stand wohl erstmal in den Geburtskanal, aber in Träumen ist das alles nicht immer so realitätsfreundlich. Und das ist auch gut so!

Ich war sowieso mehr damit beschäftigt, meine Hose auf Tinas Rückbank zu suchen. Die hatte ich beim Autofahren aus einem mir nicht näher bekannten Grund ausgezogen. Leider wusste ich nicht mehr, welche ich angezogen hatte, so dass ich die ganzen Hosen, die ich aus dem Fußraum zog, nicht mehr unterscheiden konnte. Es war auch zu dunkel dazu.

Und ich weiterhin im Stress. Diesmal, weil Tina beim Wenden fast eine Frau mit Smartphone überfahren hätte. Wir flohen, und die Frau fotografierte das Nummernschild.

Die restlichen Details tun jetzt nichts für die Dramaturgie. Und das wird der Abend heute auch nicht mehr tun. Ich habe keine Ahnung, wovon, aber ich bin völlig ermattet.

Bestimmt vom Blumengießen! Nicht, dass ich die letzten drei Töpfe schon eingepflanzt hätte, aber das Gießen allein war wieder anstrengend genug.

Und das geht jetzt den ganzen Sommer so weiter!

So es denn einen gibt.

Im Moment sieht es ja ganz gut aus, aber das kennen wir ja: Der Frühling täuscht kurz an, und dann regnet es wieder.

Man könnte glatt schon wieder Panik kriegen.

Happy Friday!

Ich habe heute wirklich überlegt, ob ich diesen schönen Schriftzug meiner Emailsignatur hinzufüge.

Also, auf Arbeit, nicht zu Hause.

Zu Hause weiß man sowas.

Na gut, im Büro weiß man das gemeinhin auch.

Weil ich da regelmäßig um elf Uhr vormittags in Schnappatmung verfalle, weil ich das Mittagessen plane. Beziehungsweise dessen Beschaffung. Jeden verdammten Freitag versuche ich, diesen nebenbei erworbenen Kelch meiner Zuständigkeit an jemand anderen weiterzugeben, aber es gelingt mir einfach nicht.

Und Kayra bereitet das auch wirklich gut vor für mich. Sie rennt durch die Etagen, und zwar hochmotiviert, und sammelt das Geld sowie die Bestellungen ein. Dann aber lässt sie mich gehen. Erstens, weil ihr die Logistik zu anstrengend ist, was sie wöchentlich anerkennend im Hinblick auf meine Leistungen betont, zweitens, weil sie mir natürlich die Chance auf den Dönermann nicht untergraben will. Abgesehen davon, dass der zwar fröhlich mit seinem Gesicht zuckt, aber sonst nichts weiter macht. Wenn besonders viel los ist, spricht er nach seinen ersten Zuckungen nicht mal mehr mit mir. Und der macht jetzt nicht unbedingt einen schüchternen Eindruck. Also, Punkt zwei ist schon mal kein relevantes Argument. Dafür natürlich umso mehr Punkt eins, denn es bedarf schon besonderer Talente, eine Dönerbestellung zu tätigen.

Ansonsten war heute nicht viel los. Kayra wurde entfristet, was uns zu einem kleinen Freudenfeuer auf dem Hof motivierte. Auf der Treppe trafen wir Claudia und Ruslana, unsere homogene Zelleinheit aus der Buchhaltung.

Ich wurde jetzt entfristet für immer! Rief Kayra freudig. Claudia legte sogleich ein krokodilhaftes Grinsen auf, Ruslana guckte grimmig. Klar, sie musste seinerzeit ja auch ein weiteres Jahr befristet weiterarbeiten, und man ärgert sich bis heute, dass man es nicht dabei belassen hat.

Das ist aber schön! Säuselte Claudia.

Na, dann sagt das mal Euren Gesichtern! Regte ich daraufhin an.

Worüber sich Renate und Kayra wahnsinnig freuten. Zumindest, als die beiden anderen weg waren. Die sind aber auch ein Gespann! Unsere hochbegabte Bereicherung trifft auf die grenzdebile Hohlbirne. Somit gleichen sie sich gemeinsam zu einem Mittelmaß aus, das sich gewaschen hat. So unser Gesprächsinhalt an der Hinterhofschaukel im Kern.

Wenn man das Mittelmaß an sich waschen könnte. Das wäre schon schön. Entspricht nur leider nicht der Realität. Aber das macht nichts.

Ich stand sowieso noch immer ein wenig neben mir, weil der gestrige Abend nicht so gelaufen ist, wie er laufen sollte. Eigentlich lege ich mich ja donnerstags immer in katatonischer Haltung vor den Fernseher und gucke drei Stunden lang Criminal Minds. Egal, ob ich das Ausgestrahlte mitsprechen kann oder nicht.

Gestern aber klingelte um Punkt zwanzig Uhr zwölf mein Telefon, und es war Vanja. Sein Smartphone ist jetzt angekommen. Er war technisch überfordert, so wie ich in den Tagen zuvor. Über eine Stunde verbrachte ich dann also damit, ihm telefonischen Telefonsupport anzutun. Am Ende stand das Computerkind neben mir und lachte sich über uns beide tot.

Wobei ich Vanja wirklich helfen konnte. Ich hatte das Ganze schließlich erst einen Tag vorher selbst gelernt. Da war das alles noch frisch. Und schon heute habe ich es geschafft, meinen Akku mit reinem Experimentieren in verschiedenen Einstellungen innerhalb einer guten Stunde auf null zu spielen.

Das Telefon blinkte schon ganz rot, als ich es endlich an die Steckdose anschloss. Aber das macht nichts. Ich habe ja welche. Also, Steckdosen.

Und noch mehr Blumen!

Denn ich war im Baumarkt. Eigentlich wollte ich von meinem Baumarktgutschein lediglich etwas Grundierung für die feuchte Stelle im Bad kaufen, aber es wurden dann doch noch ein paar zusätzliche Fuchsien. Ich habe mich auch nur deshalb so lange da aufgehalten, weil ich so lange nach Nemesiensamen gesucht habe. Aber sie hatten keine. Wirklich nicht. Ich kenne das Samenregal bei toom jetzt auswendig.

Und mit vier Tüten habe ich dann auch ordentlich kompensiert. Ich staune aber immer noch, dass ich nicht in Tränen ausgebrochen bin.

Doch warum sollte ich das auch tun? Die Sonne schien, ich hatte frisches Tomatenwürzsalz von Lidl in der Tasche sowie Erdbeeren, die bisher auch noch keiner aufgegessen hat…

Ja, weil ich im Kinderzimmer war. Und da lagen Schokoladeneier herum. Mit Eierlikörfüllung, die mein Kind nicht haben wollte. Da es Zartbitter war, habe ich mich kurzerhand geopfert. Die mussten auch wirklich weg, denn die Schokolade im Außenbereich fand es wohl zu kalt und hatte schon etwas Pelz angelegt.

Natürlich waren sie nicht verschimmelt, aber man kennt ja diesen Belag, der sich bei Temperaturumstürzen bildet. Ansonsten esse ich natürlich nichts Verschimmeltes, höchstens Käse, und das auch nur, wenn es kultivierter Edelschimmel ist, aber lassen wir das.

Eigentlich wollte ich um diese Zeit längst die Enten vom Badezimmerfensterbrett geräumt haben, was impliziert, dass ich erst den Wäschekorb für die Zwischenlagerung meiner Sammlung ausleeren muss, in dem allerlei Zeug wohnt, das da gar nicht hingehört, und es ist keine Wäsche, aber ich habe nur geschafft, auf dem Bett zu liegen und Geburtstage in meinen Kalender einzutragen.

Allerdings mit Betonung auf auf dem Bett liegen.

Macht aber nichts!

Es ist Freitag und das Leben gerade ein bisschen entspannter.

Ran an´ Sarg und mitgeweint!

Ja, ich komme vom Dorf. Da macht man das so. Früher zumindest. Jetzt wohne ich ja nicht mehr da.

Ansonsten verspüre ich aufsteigende Urlaubsreife, aber das verwundert nicht, also mich nicht, denn der nächste ist in Reichweite, noch neunmal aufstehen und dreizehnmal schlafen, schon ist es soweit! Ich manifestiere die dazugehörige Notwendigkeit jeden Tag.

Einmal durch meinen recht sporadisch schwankenden Tonfall, und dann noch durch gewisse ungefilterte Aussagen, die meinem Mund entfallen.

Ausgerechnet heute! Aber nach der Diskussion über Dinge, die in ein Büro gehören, und Dinge, die nicht in ein Büro gehören, ist das auch erklärbar. Renate würde nämlich am liebsten ihren Eishockeyfanschal über ihre Ordner drapieren, da merkte ich an, dass es bestimmt Leute in unseren gemeinsamen Haushalt geben wird, die der Meinung sind, dass so etwas nicht in ein Büro gehört.

Ach, sagte die Renate da, ich finde auch, Blumen gehören nicht ins Büro.

Ich finde ja, sagte ich da, ich gehöre nicht in ein Büro. Sondern an den Strand.

Die versammelte Buchhaltung erfreute sich daran, während ich diese Äußerung als völlig normal empfinde.

Aber ich bin ja kein Maßstab. So habe ich heute schon zu Sascha gesagt – der sich immer die Querflöte von der einen Veronika borgt, um sie ihr dann nach ihrem Einsatz poliert zurückzugeben, woraufhin sie diese in ihren Schrank legt, um sie erst wieder hervorzuholen, wenn der Sascha sie wieder braucht, aber die Querflöte sieht immerhin wie neu aus – dass er mich bitte auch mal polieren kann.

Ich habe wirklich den Putzkontext ansprechen wollen!

Kam leider ganz anders an. Ich bete nun zu einem mir bis dato unbekannten Gott, dass er das nicht gehört hat. Die Chancen stehen gut, denn ich rede ja nicht so laut, auch stand Sascha da schon auf dem Flur und redete – seinerseits recht laut – auf irgendein Opfer ein.

Der hat das niemals gehört! Und dann kam ja auch Hannes vorbei. Gerne bereitete ich ihm einen Kaffee zu. Leider den falschen Becher erwischt. Nämlich unsere Gute-Laune-Tasse. Da sagte er doch, dass er vor ein paar Tagen sehr schlechte Laune hatte. Aufgrund eines Todesfalls im sehr nahen Umfeld.

Das war so traurig, dass ich erstmal mit den Tränen kämpfen musste. Hab sie dann abgewischt. Das heißt, der Kampf war verloren.

Du kennst den doch gar nicht, intervenierte Hannes.

Nee, aber ich kenne doch Dich!

Wir haben uns dann aber wieder gefangen, und Hannes hat es nach nur fünfmonatiger Wartezeit unsererseits geschafft, endlich Gesines Regal so an die Wand zu heften, dass es nicht gleich nach schräg unten vorne nachgibt, wenn man ein Blatt Papier darauf lagert.

Unterlegscheiben lautet das Zauberwort! Falls mal jemand danach fragen sollte.

Ich habe mir gleich einen Baumarktgutschein bestellt. Weil ich noch einen Gutschein für einen Gutschein von Anuschka hatte, den sie nicht brauchte, aber das Geld. Und ich hatte das Geld gerade vorrätig, da kann ich am Freitag endlich ein paar Materialien erwerben. Und Blumen natürlich. Denn auch Hornveilchen Nummer neun und zehn füllen den Balkon noch nicht ansatzweise aus. Aber das ist jetzt privat.

Und da war ich ja noch gar nicht. Erst musste ich noch den Handwerker, also Hannes, gebührend verabschieden. Was sich etwas schwierig anließ, denn wir standen in großer Runde vor der Tür.

Er schüttelte brav Kayras Hand.

Dann Renates.

Und dann noch die von Claudia.

Erst dann ging es an mich. Und Kayra rief aus Flora wird umarmt!

Richtig. Es war zwar mehr eine Vermutung als eine Anweisung, aber ich bitte darum.

Ich wurde umarmt. Fertig. Ist ja nichts dabei.

Natürlich musste ich den Anmerkungen meines herzallerliebsten Kolleginnenkreises über seine körperlichen Arbeitsausdünstungen entgegensetzen, dass ich diesen Schweiß gar nicht rieche. Mache ich ja auch nicht.

Weil Du drauf stehst, konstatierte meine Kayra. Das kann schon sein, aber ich habe nichts gesagt, sondern nur lieblich die Mundwinkel nach oben schnellen lassen. Was wiederum Kayra dazu anhielt, der versammelten Frauschaft mitzuteilen, dass der Hannes mich sehr wohl polieren würde.

Damit ich mein inneres jugendfrisches Gefühl auch ganz optisch nach draußen tragen kann.

Äh… ja… Ich glaube, das entbehrt in der Wirklichkeit jeder haptischen Grundlage, aber lassen wir das. Auch wenn ich mich noch so wohl an seiner Brust fühle. Und es ist ja auch nicht so, dass ich mich an anderen Brüsten deswegen unwohl fühle. Wovon die meisten relativ platonisch veranlagt sind.

Trotzdem brauchte ich nach der Arbeit sofort eine therapeutische Autofahrt mit Renate.

Wir planten weitere gemeinsame Freizeitaktivitäten. Und Synchronnähen für heute Abend. Jede für sich allein zu Hause. Das war sehr schön. Und total motivierend. Ich habe in den vergangenen anderthalb Stunden, die ich jetzt zu Hause verweile, geschafft, einen Schnitt zu schneiden.

Aber heute habe ich ja zwei Stunden Pause zwischen der ersten neuen Folge Akte X und der zweiten. Da nähe ich dann. So dass ich während der zweiten Folge alle Fäden vernähen kann.

Das ist der Plan. Und eigentlich müsste ich das auch schaffen. Denn erstaunlicherweise hält die gute Laune von vorgestern immer noch an. Auch wenn ihre Ursachen inzwischen neue sind. Was allerdings nicht als störend empfunden werden sollte. Warum man gute Laune hat, ist schlussendlich ja egal, solange man welche hat.

Schön.

Das heißt, ich brauche definitiv keine Politur.

Ich mach mal noch mein Häufchen weg

Ich bin ja manchmal echt froh, dass uns keiner zuhört.

Kurz vor Feierabend rief mich Renate an. Wie lange möchtest Du denn noch da oben vor Dich hin oxidieren?

Och, Du, ich mache hier nur noch mein Häufchen weg, dann stehe ich bei Dir, und dann geht es nach Hause!

Ja, mach Du mal Dein Häufchen weg. Schrie Renate durch ihr Büro. Von Ferne hörte ich Claudia laut kreischen. Dies sollte wohl Amüsement darstellen.

Das war aber heute auch schon mein Tageshighlight. Aber was soll man schon von einem schnöden Dienstag erwarten, an dem der Chef zu einem sagt Wie? Du willst jetzt denken? Wasnmitdirlos?

Also bitte! Ja! Derlei Despektierlichkeiten stehen ja wohl dem Chef nicht zu.

Sonst auch keinem.

Allerdings erwarte ich auch nicht allzu viel Tiefsinniges von einer Person, die auf die völlig ernstgemeinte Frage nach einem Frauenruheraum im Haus (für nach der Mittagspause) sagt Wir haben doch einen Frauenruheraum. Die Küche!

Ja, so ist er, unser Chef.

Wir mögen ihn sehr.

Auch wenn sein Humor zuweilen an Modernität vermissen lässt.

Da muss ich doch gleich mal in die Küche gehen. Um ein Bier nach meiner berühmten Tiefkühlkühlschrankkombi herunterzukühlen. Wenn In aller Freundschaft anfängt, nehme ich es sofort heraus.

Damit sich nicht morgen gelb gefrorener Schaum durch alle Etagen meines Gefrierschranks ergießt. So sich gefrorener Schaum denn noch ergießen könnte. In der Regel hat er es an dieser Stelle bereits getan. Und klebt dann gar formschön überall. Brauche ich nicht, das hatte ich während meines Praktikums 2006 ständig, weil mein damaliger Chef das Bier immer vergessen hat. Und das hat mich gelehrt: Wecker stellen. Innerhalb von fünfundvierzig Minuten vergisst man vieles.

Ich habe ja auch innerhalb von Sekunden alles, was der Tag an Situationskomik zu bieten hatte, wieder vergessen. Eigentlich hätte ich den ganzen Tag lang Notizen machen müssen. Aber ich habe ja auch noch was anderes zu tun. Kindergarten spielen mit ausgewählten Kollegen. Oder die Wäsche suchen.

Zwar hat das Kind den Ständer abgeräumt, aber noch nicht verraten, wo er die sauberen und wohlriechenden Exemplare meiner Kollektion dann abgelegt hat. Immer wieder spannend, so ein Haushalt. Wahrscheinlich liegt meine ganze wunderschöne Damenoberbekleidung irgendwo im Kinderzimmer auf einem der vielen Häufchen.

Wir werden es sehen.

Und wenn wir es nicht sehen, dann müssen wir wohl mal fragen.

 

Na mal sehen wie lange das jetzt anhält

Ich bin jedenfalls sehr gespannt.

Obwohl der Tag eher suboptimal begann, weil kein einziger Wecker (von dreien) klingelte, nachdem ich gestern Abend erfolglos beschlossen hatte, einfach den Funkwecker aus dem Bad zu stellen, was mir nicht gelang und dem Kinde auch nicht, was wiederum zu einer gewissen Unsicherheit führte, weil ich nicht genau wusste, ob das Handy wusste, wann es genau zu klingeln hatte, klingelte heute früh gleich gar nichts mehr.

Wach geworden bin ich trotzdem und machte mich nach den morgendlichen Üblichkeiten auf den Weg zu meiner Betriebsratssitzung. Weil ich mir den Stadtplan an der betreffenden Stelle aber nur halbherzig angesehen hatte, habe ich mich erstmal kräftig verlaufen. Lost in Neukölln sozusagen. Weil irgendein Honk vor Ort die Straßenschilder total verdreht hatte, wusste ich am Ende irgendwie nicht mehr, wo ich lang laufen muss.

Also inspizierte ich erst eine Baustelle, bevor ich mich mit schwindendem Mut umdrehte und die Gegenrichtung beschritt. Todesmutig bog ich in eine nicht näher beschriftete Grünanlage ein. Und siehe da: Dahinter ging die Straße weiter, und da waren auch die Hausnummern richtig.

Alle waren da.

Außer Claudia.

Die kam nicht.

Zehn Minuten, nachdem wir anwesenden ihre Abwesenheit mit fröhlichem Geplausche überbrückt hatten, rief ich sie an. Na, toll, dachte ich noch, das allererste Gespräch mit dem neuen Telefon, und ausgerechnet das führe ich mit Claudia.

Sie ist ja nicht unbedingt meine allerbeste Freundin. Wobei es im Moment echt geht. Ich bin gleich da! Ich habe mich verlaufen! Intonierte sie ins Telefon. Na, willkommen im Club.

Den Rückweg haben wir dann aber ganz gut gefunden. Keine Ahnung, wofür das nun wieder gut gewesen sein soll.

Gleich bei meiner Ankunft im Büro war ich total irritiert. Anne in Schwarz! Das gibt es sonst nicht. Und mit neuer Frisur. Die sie allerdings schon in der letzten Woche hatte, aber da habe ich das aufgrund des konsequent verwendeten Haargummis nicht gesehen. Leider sieht sie in Schwarz aus wie ein Weißkäse, der Wasser gezogen hat, und das hat mich den ganzen Tag irgendwie abgestoßen.

Ich meine, ich liebe Schwarz, aber Anne liebt es eben nicht. Und ich liebe sie auch weniger in Schwarz. Nee, in Schwarz liebe ich am meisten mich.

Das sage ich jetzt aber bestimmt nur, weil sich meine Laune so gut ausgeglichen hat. Es klingelte nämlich mein Telefon. Der Kollege F war dran. Von dem habe ich schon über zwei Monate nichts mehr gehört, und ich dachte schon, der mag mich nicht mehr, weil ich mich bei unserer letzten Begegnung einem gewissen Idioten etwas zu hingebungsvoll gewidmet hatte. So hingebungsvoll, dass er die Runde, die nur aus ihm, dem Idioten und mir bestand, spontan verließ.

Aber nein. Er gratulierte mir zu meiner Wahl. Und teilte mit, dass er sich richtig gefreut hat, dass ich da auf der Liste stand.

Geschmeichelt widmete ich mich sodann seinem Tagesthema. Er vermisste nämlich neun Euro nochwas pro Monat auf seinem Firmenkonto, und die müssten ja bei uns irgendwo herumliegen, so dass er sie jetzt eigentlich abrufen müsste.

Ich hatte leider keine Ahnung. Aber sowas von keine Ahnung. Das kenne ich von mir gar nicht. Ein paar Minuten lavierten wir herum, bis die Kollegin B aus dem Hintergrund rief Hier ist was!

Ja, ab zehnten Januar achtzehn haben sie das Geld direkt erhalten. Aber was ist denn nur mit dem davor? Bei mir war es nicht, und Ruslana war schon im Feierabend verschwunden. Die hätte es wissen müssen. Zumindest im Konjunktiv. Plötzlich brüllte die B wieder aus dem Hintergrund Hier ist was!

Ja, auch bis neunten Januar achtzehn waren die Gelder eingegangen. Man hatte es nur nicht bemerkt. Wie gut, dass wir darüber gesprochen haben. Aber es ist ja wirklich schön, dass man manche Fragen schnell selbst beantworten kann, wenn man sie nur einer als kompetent genug eingeschätzten Person gegenüber formuliert.

Der F gratulierte mir nochmals zu meiner Betriebsratsmitgliedschaft und wie gut er das findet.

Ja, den mochte ich auch schon immer.

Und was soll ich sagen? Das war so schön! Und zwar so schön, dass ich hier und jetzt nun offiziell vermelden möchte: Ich habe gute Laune.

Ja! Ich habe eine verdammt scheißgute Laune!

Und ich hoffe, sie hält noch lange, lange an.

Aber bei mir kann man ja nie wissen.

Ich brauche mehr Blumen

Ja, ich brauche viel mehr Blumen.

Im Frühling gerate ich immer ein wenig in einen Rausch. Er paart sich auf ungünstige Weise mit meiner Ungeduld. Zwar habe ich heute fleißig Hornveilchen eingepflanzt, jedoch blieben zahlreiche Lücken in den Kästen. Gut, ich habe sie mit allerlei Sämereien versetzt, aber bis das wächst, muss ich noch warten. In die Lücken kommen dann noch ein paar Fuchsien und noch mehr Samen.

Und dann hoffe ich darauf, dass ich in diesem Jahr wieder die nötige Motivation aufbringen kann, das Ganze dann auch so regelmäßig zu gießen, dass ich nicht das komplette Jahr einen herbstlichen Eindruck auf meinem Balkon habe.

Im letzten Jahr war dem nämlich leider nicht so. Aber da hatte ich ja auch andauernd damit zu tun, von einem einzelnen Menschen zu träumen.

Was ich leider in der letzten Nacht mal wieder wiederholt habe. Und das war nicht gut! Ich saß in einem Großraumbüro, Kreti und Pleti standen alle um mich rum. Und dahinter der Besagte. Der mich aber nur kurz anguckte und dann verschwand.

Schön. Und jetzt brauche ich noch mehr Blumen. Um einen mentalen Ausgleich zu den Verarbeitungsstrategien meines Unterbewusstseins zu schaffen. Oder was auch immer.

So richtig hilft das alles gerade nicht. Keine Pflanzendisko, kein Sport, die Wirkung des Abwaschens zweifle ich auch an, genau wie die meiner Badewanne.

Obwohl… mein heutiger Badezusatz heißt Landurlaub. Vielleicht geht das ja. Kann ich aber auch erst einwerfen, wenn die Waschmaschine fertig ist.

Das heißt, ich muss noch gut anderthalb Stunden Seelenschmerz ohne jegliche Zusätze überbrücken.

Ach, es ist eine kapitale Scheiße.

So viel zum Frühlingsrausch.