Ich habe eine Hose gefunden

Um vierzehn Uhr einundfünfzig war wieder die Arbeit alle. Wieder dachte ich an frühzeitigen Feierabend. Wieder wurde es nichts.

Weil Claudia anrief. Um mich zu fragen, ob sie meine Rechnungen buchen soll. Ja, das war der Plan. Ich erstelle die ja nicht, damit sie irgendwo herumoxidieren.

Dreiunddreißig Minuten später hatte ich während des Telefonats die große Tüte mit den Materialien, die mir mein Umfeld in der irrigen Annahme, ich würde etwas daraus machen, übergeholfen hatte, leer.

Ich kann mich nicht erinnern, warum ich mit Claudia am Telefon darauf gekommen war, diese Tüte ausgerechnet heute auszuleeren. Aber am Boden fand ich eine Jeans. Und ich dachte mir Was für ein wunderbar weiches Material! Die schmeiße ich jetzt aber nicht weg.

Bei näherer Betrachtung dachte ich dann Was für eine schöne Waschung! Und die Farbe!

Es war auch alles in Ordnung damit, und die Hose machte einen recht guten Gesamteindruck. Also probierte ich mal.

Wollte ich am liebsten gar nicht mehr ausziehen.

Denn zu allem Überfluss passt das Ding auch noch!

Wunderbar. Die führe ich gleich morgen aus. Muss nur die farblich passende Atemschutzmaske zum Graublau auswählen.

Dann fiel mir die monatliche Steuererklärung ein, die unter meine Hoheit fällt. Was für ein Glück! Was zu tun!

Hat mich eine ganze Minute gekostet, aus der Nullmeldung für Februar die Nullmeldung für März zu machen. Denn die Beherbergungsbetriebe sind dicht, und da muss auch niemand mehr Übernachtungssteuer zahlen. So einfach ist das. Brachte mich auf meiner verzweifelten Suche nach was zu tun also auch nicht weiter.

Da war es aber ohnehin schon auf wundersame Weise vier geworden. Und so entschied ich mich, passend zur neuentdeckten Hose gleich mal mein Hosenfach im Schrank durchzugucken.

Dafür, dass ich eigentlich lieber Röcke trage, habe ich sehr viele Hosen. Aber ich habe mich auch hier von unnötigem Ballast getrennt.

Sogar schon vom Monat März. Normalerweise brauche ich wenigstens den halben Monat, um mal den Kalender umzublättern. Das ist aber auch aufwendig. Ich muss den Klebestreifenabroller vom Wohnzimmerschrank nehmen, in den Flur tragen und dann auch noch ein Blatt hochschlagen. Vom Klebevorgang an sich ganz zu schweigen.

Die Motivation hierfür zu finden, kann schon mal einen halben Monat kosten.

Schuld ist sowieso Nele. Die schrieb mir gegen Feierabend Hast Du was mit Deinen WhatsApp-Einstellungen gemacht? Ich kann alle Deine Kontakte sehen! Und alle Deine Chats!

Sofort ratterte es in meinem Gehirn los. Wem ich was schreibe – angefangen beim Analysechat mit lieben Kolleginnen über nicht so liebe Kolleginnen, die aber auch in meinem Telefonbuch stehen, bis hin zu sehr privaten Nachrichten.

Ohgottohgottohgott! Google, hilf! Habe dann irgendwas mit QR-Code und WhatsApp Web recherchiert. Aber keinerlei Meldungen über aktuelle WhatsApp-Datenlücken. Nur Corona.

Und ich wusste ja noch, dass ich nichts in meinem Telefon verstellt habe. Und als ich mich umfassend zum Thema informiert hatte, kam Nele wieder per WhatsApp um die Ecke… April, April…

Und da habe ich dann den Kalender wirklich mal am Ersten umgeblättert.

Ja, doch, der Aprilscherz war wirklich sehr gelungen. Ich habe den auch gleich weitergegeben.

An einen privaten Empfänger. Der sogleich anfing, mir alles, was ich soeben schon zuerst sehr, dann weniger interessiert gelesen hatte, nochmal zu erklären. Er wurde auch nach der Auflösung nicht müde, mir zu sagen, dass ich bei meinen Einstellungen einen QR-Code sehen könnte, wenn ich da eine Option für Datenlücken eingestellt habe.

Gut, da war jetzt kein QR-Code zu sehen, und ich konnte mich, wie gesagt, auch nicht an irgendwas in dieser Richtung erinnern, von daher…

Begrüßen wir doch einfach den neuen Monat.

Sehnsucht nach dem Irrenhaus

Hätte ich ja auch nie gedacht, dass ich das mal so sehe. Aber es ist so.

Heute hätte ich mich sogar fast gefreut, Ruslana im Homeoffice zu sehen.

Wir hatten nämlich Teammeeting per Videokonferenz. Im ersten Versuch war die Hälfte erstmal technisch überfordert. Kenn ich. Von meinem ersten Mal. Helfen kann ich aber auch nicht. Auch wenn ich es sehr nachdrücklich mit Anne am Telefon versucht habe.

So nachdrücklich, dass Chef eins im Teammeetingsversuch zwei wünschte, man möge mich doch mal stummschalten. Woraufhin Chef zwei sagte, er würde mich niemals stummschalten. Worauf ich wiederum erwiderte Danke, Chef zwei, Dich mochte ich schon immer.

Na, wenigstens ist Chef eins nicht auf die Idee gekommen, meinen Arbeitsplatz an den Meistbietenden zu versteigern. Wir haben nämlich zu wenig Platz, zumal wir in den nächsten Tagen doppelten Zuwachs erwarten. Für die neue Leitung gibt es ein trockenes Plätzchen, für den neuen IT-ler allerdings nicht. Chef eins bittet nun um Ideen bis Freitag.

Seit Oktober schwebt dieses Damoklesschwert über uns. Seit Oktober steht fest, dass unser Idiot zu uns kommt, um drei Jahre lang das Emailsystem umzustellen. Und jetzt, drei Tage, bevor der an der Tür kratzt, fällt ihnen ein, dass der Mann auch irgendwo sitzen muss?

Ich bin begeistert.

Aber wir haben ein Ausweichquartier, in das eine kleine Abordnung aus unserem Standort passen würde. Und so sprach Chef eins zu mir: Wo Du doch jetzt so schön ans Homeoffice gewöhnt bist, willst Du nicht in das andere Büro umziehen?

Sach ma! Willst Du mich loswerden?

Nein, ich will ja selbst da hinziehen.

Ok, das gibt dem Ganzen jetzt einen ganz andersfarbigen Anstrich. Aber nö, ich möchte nicht an den anderen Standort umziehen. Mir gefällt die Küchenausstattung nicht. Und es ist auch total blöd gelegen. Zwar mitten in Kreuzberg, aber da sehr ungünstig im Verhältnis zum Schuss gelegen. Chef eins will nun mit den üblichen Verdächtigen sprechen, für die eine Umlagerung infragekommt. Unter anderem mit dem Idioten, aber davon hält er eigentlich nichts, weil – Zitat – solche Elektrolurche sowieso schon dazu neigen, sich sozial zu isolieren.

Ok, resümierte ich also, dann schreibe ich jetzt ins Protokoll: Für die charakterliche Entwicklung des Elektrolurches wäre ein isolierter Arbeitsplatz eher abträglich.

Ich bin immer noch beeindruckt von dieser Planung. Abgesehen davon, dass niemand so genau weiß, wie er überhaupt an diesen Posten gekommen ist. Bernhard sollte das ganze Projekt seinerzeit im Rahmen seiner dreißig Wochenstunden neben dem technischen Support machen, für den Kollegen wird jetzt ein ganz eigener Platz gebaut.

Und ich erwähne jetzt mal lieber nicht, dass genau dieser Kollege entschieden hat, dass Bernhard uns verlassen muss. Da schreit nicht nur die Betriebsrätin in mir laut auf, auch ich ganz persönlich empfinde dabei ein schmerzhaftes Entsetzen.

Habe ich aber heute dem Chef nicht mitgeteilt, denn ich war zu beeindruckt von Annes Couchkissen, in die sie sich mit dem Azubi während der Videokonferenz schmiegte. Mir lag eigentlich auf der Zunge, ob sie im Bett sind. Ich meine, ich habe wirklich gar nichts gegen Rosa, aber riesige Couchkissen mit rosa Rüschen? Ok, Ruslana hat auch rosa Wände, und das nächste Mal gehe ich mit dem Computer in meine rosa gestrichene Küche, um mich als dem allgemeinen Teamdesign angepasst zu präsentieren. Aber in meinem Haushalt gibt es aus Gründen halt keine rosa Rüschen.

So verging dieser Tag. Von Sitzung zu Sitzung.

Und um fünfzehn Uhr fünfzehn ging dann erstmal nichts mehr. Plötzlich wollte mein Drucker nicht mehr mit Datev spielen. Was allerdings dringend notwendig gewesen wäre, da ein elementarer Teil meiner Arbeit per Datev stattfindet. Im Homeoffice ungefähr fünfundachtzig Prozent. Sogar den Kompetenz-Ludwig rief ich deshalb extra an.

Helfen konnte er mir nicht.

Mir schwebte schon ein frühzeitiger Zwangsfeierabend vor, aber ich habe mir am Ende selbst geholfen. Manchmal reicht es einfach, einen technisch etwas versierteren Menschen zur seelischen Unterstützung am Telefon zu haben. Also, nichts mit frühzeitig Feierabend – ausschalten, einschalten, geht wieder.

So ein Ärger! Extra bezahlt kriege ich das nämlich nicht, ich darf nur abbummeln. Dabei könnte ich das Geld auch gut gebrauchen. Denn ich muss das Niveau meiner aktuellen privaten Langeweile mal langsam in andere Bahnen lenken. Das geht mittlerweile ins Geld.

Heute habe ich zum Beispiel einundzwanzig Euro für Textilfarbe ausgegeben, weil ich die farblich versaute Bettwäsche von Staubviolett in Aubergine umfärben wollte. Leider etwas zu hell, und sie ist noch nass.

Und dann muss ich ja erst noch sehen, wie mir die bestellte Nachfolgebettwäsche von der Struktur her gefällt. Und ob überhaupt. Ich befürchte, gar nicht.

Es wird Zeit, dass sich hier bald wieder etwas Normalität einstellt.

Oder zumindest das, was ich aus meinem stillen Kämmerlein heraus dafür halte.

Zum ersten Mal am Boden

Ganz tief.

Auf dem Boden der Tatsachen.

In meiner schönen Liste aller offenen Posten.

Da war ich noch nie!

Gut, es ist vielleicht nicht alles auf null, aber ich habe erstmal alles im Homeoffice in meiner Macht stehende getan. Das Problem war nur: Als ich diesen segensreichen Moment erlebte, war es gerade mal vierzehn Uhr einundzwanzig. Lange vor dem regulären Feierabend.

Und das, obwohl ich nebenbei noch Bettwäsche im Internet bewundert habe, also, welche, die ich gestern Nacht noch schnell bestellte, weil sie nur bis gestern um sechzig Prozent reduziert war.

Heute ist von den hundert Prozent des Preises gleich gar nichts mehr zu sehen, da stehen standardmäßig nur noch die vierzig. Eine zeitliche Beschränkung gibt es auch nicht mehr, und dann habe ich in der Produktvergrößerung auch noch gesehen, dass das Streifensatin ist.

Steht aber nicht in der Artikelbeschreibung. Dann hätte ich meine Kontodaten nicht so schnell eingegeben. Also, im Sinne von gar nicht, denn ich hasse Streifensatin. Aber vielleicht ist das nur die Darstellung auf dem Bildschirm, ich lasse also erstmal kommen. Immerhin habe ich gestern schon Textilfarbe bestellt, ohne einen wahren Plan dafür zu haben.

Jetzt habe ich einen.

Aber ich kalkuliere mittlerweile ganz fest mit ein, dass mir das Basismaterial nicht gefällt.

Weiterhin warf ich zwischen diversen Rechnungskorrekturen ein Auge auf die Ernährungsberaterausbildung. Das passt insofern, da ich meinem Umfeld sowieso schon immer sehr gern und sehr ungefragt mit der Auswertung der Nährwerte seiner soeben verzehrten Fertigprodukte auf den Geist gehe.

Der wahre Grund für diese Recherche war jedoch schlichtweg der, dass ich, während ich mich fragte, was ich mir bei so mancher Rechnung eigentlich gedacht habe und was die Rechnungsempfänger jetzt noch gleich dazu gesagt haben, einen BMI ausgerechnet habe.

Weil ein besonders bedeutsamer Teilnehmer meines Umfelds der Meinung war, mit einem Gewicht von neunundsiebzig Komma eins Kilo auf einen Meter dreiundachtzig Höhe jetzt dringend in die Mast wechseln zu müssen.

Dabei ist ein BMI von dreiundzwanzig fünf Punkte über dem Untergewicht und zwei unter dem Übergewicht. Ich habe keine Ahnung, wie der Kollege auf den Gedanken kommt, jetzt sofort in eine Fressphase verfallen zu müssen.

Na gut, der BMI ist eigentlich Quatsch. Viel zu starr, weil er – völlig unreflektiert – das Körpergewicht gegen die Größe rechnet. Das ist gar nicht mehr zeitgemäß. Und wenn man berücksichtigt, dass man ja schon immer wusste, dass zum Beispiel Muskeln bei geringerem Volumen wesentlich mehr wiegen als reines, weißes Fett, war der eigentlich noch nie zeitgemäß.

Ich lasse das jetzt erstmal sacken. Denn ich habe Feierabend.

Letztendlich konnte ich meinen Computer doch nicht vorfristig ausschalten, weil noch etwas Post kam, dann musste ich meine heutige Ausgangsport noch dringend eintüten, auf dem Weg zum Briefkasten überdenken, dass ich heute schon wieder einkaufen muss, feststellen, dass ich nicht musste, und so blieb es dann beim Weg zum Briefkasten und zurück.

Das halbe Tagessoll ist damit erfüllt. Für die zweite Hälfte kann ich mir sehr gut vorstellen, beim Abwaschen auf und ab zu steppen. Die Küche sieht nämlich auf wundersame Weise schon wieder aus wie Sau. Aber so ist das, wenn man im Homeoffice ist. Zwar gelingt die Zubereitung gesunder Zwischenmahlzeiten viel besser als im Büro, aber das hat halt seinen Preis.

Und wenn ich damit fertig bin, bewundere ich den kleinen blauen Fleck an meinem kleinen Finger.

Erstmal erholen

Heute Nacht habe ich geträumt, dass mein Sekt alle ist.

Ich weiß gar nicht, warum. Vielleicht, weil ich gestern Abend vor dem Schlafengehen noch mit Claudia über die armen Alkoholiker gefachsimpelt habe, die immer auf dem Weg sind, um Nachschub zu kaufen.

Danach legte ich mich mit einem Glas Wein (ich hatte Durst gekriegt) in die Badewanne. Und dann habe ich wie ein Stein geschlafen.

Nicht mal der beängstigende Anblick von nur noch einer Flasche Sekt am Lager konnte mich aufschrecken.

Das kommt daher, dass ich sowieso nicht mehr so viel trinken darf. Und nach nur zwei Monaten in diesem Wissen vertrage ich auch nichts mehr. Da schlafe ich nach einem Glas Wein sofort ein. Wenn mir das einer vor drei Monaten erzählt hätte, hätte ich den psychosozialen Notdienst gerufen. Heute habe ich nicht mal mehr die Telefonnummer parat. Pflaster sind auch alle.

Weil ich das letzte heute früh auf meinen blutenden Finger geklebt habe, in den ich kurz zuvor in voller Absicht hineingestochen habe. Ein kleiner Staudamm am Finger hat dann übrigens Wunder gewirkt. Das Messgerät piepte, und ich habe vor Glück fast geweint. Nicht nur, weil es geklappt hatte, sondern auch, weil mir das Ergebnis so gut gefallen hat.

Und dann wollte ja unbedingt Renate mit mir telefonieren. Ein Wunsch, der eine gewisse Gegenseitigkeit vermissen lässt, aber ich kann mich ja nicht ewig drücken. War auch ganz schön, und ich musste gar keinen Hilferuf via WhatsApp à la Ruf! Mich! An! absenden.

Er wäre auf die Schnelle sowieso nicht gelesen worden. Da konnte ich das Gespräch auch einfach zu Ende führen.

Es war, wie gesagt, ganz schön, und wir haben zusammen einen Doppelpack Textilfarbe bestellt. Die gibt es nicht im Fachgeschäft, nur im Internet, und ihr Name lautet Violette Orchidee. Das musste leider sein.

Und ich hatte danach sogar noch Zeit, meine Nähmaschine vom Schrank zu holen. Habe aber zuerst mit der Resteverwertung angefangen und erst danach die Ärmel für mein Kleid gesäumt. Dann noch den Ausschnitt, und ehe ich mich versah, war ich schon dabei, die Ärmelsäume nochmal zu ändern, weil ich da den gleichen Stich wie am Ausschnitt haben wollte. Die Stichart I ist auch viel schöner als D.

Ich konnte gar nicht mehr aufhören.

Aber nicht, dass ich jetzt ein neues Kleid fertiggenäht hätte. Nein, vernünftigerweise hörte ich in dem Moment auf, in dem die Nähmaschine den ohnehin schon gekürzten Ärmel fressen wollte.

Jetzt mache ich Pause.

Jetzt setze ich mich vor meinen sonntäglichen Criminal-Minds-Marathon und stricke die helltürkise Borte für die Topflappen.

So es mein schmerzender Rücken denn zulässt. Von der Nähmaschine kriege ich nämlich immer exorbitante Rückenschmerzen, so dass ich schon überlege, ob ich meine Sitzposition ändern muss.

Ich weiß nur nicht wie. Im Stehen geht es auch nicht, da habe ich nicht das richtige Feingefühl fürs Pedal.

Auto fährt man auch nicht im Stehen.

Würde ja auch blöd aussehen.

Ich will Blut sehen für mein Geld!

Ich brauche nur einen Tropfen. Idealerweise mein eigenes, weil ich meinen Bluttest an mir selbst durchführen muss, denn die Werte anderer Leute sind für mich aktuell eher so semiinteressant.

Nun bin ich ja ein echter Schisser, wenn es um die Entnahme von Blutproben geht, erst Recht, wenn ich es selbst machen muss. Auch noch ohne Aufsicht. Todesmutig stach ich mir trotzdem eine Nadel mit Absicht in die Fingerkuppe.

Es passierte… nichts.

Stufe zwei, zweiter Stich. Nichts.

Um es abzukürzen: Es gibt fünf Stufen der Stichtiefe bei der Stechhilfe. Ich habe sie alle probiert. Aber es ist rein gar nichts dabei rausgekommen. Am Ende hatte ich dann leider meinen morgendlichen Hunger, da habe ich den Haferflocken den Vorzug gegeben und es gelassen. Beziehungsweise auf morgen verschoben. Dann gibt es auch wieder Haferflocken und ich baue einen kleinen Staudamm am kleinen Finger, und dann müsste es gehen.

So viel zu meinem Morgen. Mehr ist heute nicht passiert. Ich habe zwei Brotbackmischungen im Geschäft gefunden. Wozu mich allerdings wesentlich weniger Leute beglückwünscht haben als neulich zum Klopapier. Wahrscheinlich, weil ich eigentlich nicht so viel Brot brauche. Ich habe schon seit Tagen keins mehr gegessen.

Nicht, dass ich noch einen Kohlenhydratmangel erleide. Denn der ist vielleicht ursächlich für meine teilweise unerfreulichen Träume.

Ich habe in der Nacht tatsächlich, allerdings aus einem mir unbekannten Grund, meinen Ex zu Hause besucht (nur fürs Protokoll: Ich meide den kompletten Postleitzahlenbereich, in dem der Typ wohnt, und das ist auch durchaus angemessen).

Er hatte seine Wohnung auf illegalem Weg vergrößert und besaß nun zwei Schlafzimmer. Eins, das eindeutig von ihm benutzt wurde, und ein sauberes.

Ich wollte das saubere benutzen, aber er kam hinterher. Was überhaupt nicht geht, denn ich wollte den eleganten Raum nicht mit seiner Anwesenheit kontaminieren. Und ich kannte die ganze Nacht keinen anderen Gedanken als den nach dem Wie komme ich hier nur wieder raus?.

Ich kam raus. Kann mich zwar nicht erinnern wie, aber ich kam raus. Und war zwischenzeitlich heilfroh, wach zu sein.

Aber nicht froh genug, um nicht noch ein wenig weiter zu schlummern. Da träumte ich dann von einem alten Mann mit einer Insulinspritze.

Diese soziale Isolation tut mir echt nicht gut.

Katja hat jetzt schon zehn Liter Wein bestellt für den Tag after Corona. Ich bin eingeladen, obwohl ich von Rosé immer gleich Kopfschmerzen kriege.

Ich setze jetzt also auf zwei Dinge: Die tatsächliche Dauer der Ausgangsbeschränkungen und Katjas Trinkfestigkeit.

Dann können wir in aller Ruhe Weißwein trinken.

Weil sich Schmerzmittel nicht allzu gut mit dem Medikament vertragen, das ich dauerhaft einnehmen muss.

Aber erstmal stricke ich meine roten Socken weiter.

Ich habe die arme Pflanze immer noch nicht gegossen

Seit der ersten Videokonferenz am Dienstag will ich mein wirklich sehr wertgeschätztes Mandarinenbäumchen, welches ich anno 1988 im Gurkengewächshaus meiner Eltern aus einem Kern gezogen habe, gießen. Denn die Pflanze erscheint im Hintergrund, wenn ich in die Videokonferenz gehe. Und sie sieht wahnsinnig vertrocknet aus.

Obwohl ich sehr an dem Gewächs hänge. Eben weil ich es seinerzeit völlig überrascht aus dem Gewächshaus gezogen habe. Ich war auch wirklich nachhaltig begeistert. Was ich in den vergangenen zweiunddreißig Jahren des Pflanzenlebens nicht mehr so wirklich gezeigt habe.

Aber vielleicht reicht ja die Liebesbekundung von 1988, um sie weiter zum Wachsen zu animieren. Irgendwie klinge ich gerade wie ein Kerl. Wobei… nee, Frauen können das auch. Das mit der nicht gezeigten Liebe.

Ich habe heute früh einen Artikel darüber gelesen, wie man als Paar eine mögliche Quarantäne übersteht, ohne hernach sofort die Scheidung einzureichen. Die Formel ist eigentlich ganz einfach und lautet: Fünfmal so viel Gutes wie Schlechtes.

Hiermit verabschiede ich mich für heute von der Welt, ich muss meine Pflanze wässern.

Den Staub von den Blättern putzen.

Ihr dabei gut zureden.

Vielleicht fange ich mit einem Kompliment über ihre schlanke Figur an.

Homeoffice tut mir echt nicht gut. Es ist sowieso völlig überbewertet, und am liebsten würde ich ab morgen wieder in mein Irrenhaus fahren, um die sozialen Erlebnisse direkt zu erleben. Man ist ja völlig abgeschnitten von der Welt.

Aber es muss sein, und ich heiße ja nicht Ruslana. Die kündigte heute an, dass sie, wenn sie ab nächste Woche zu Hause arbeiten muss, einfach schnell vorbeikommt, wenn ihr etwas fehlt.

Claudia stockte der Atem.

Es hat einen Grund, dass wir im Wechsel im Homeoffice und zugegen sind.

Aber Ruslana antwortet darauf nur Das ist nur, weil Du Angst hast.

Nee, ist es nicht.

Doch.

Unsere Ruslana ist mit ihrer Beratungsresistenz ein echter Sonnenschein. Der im Zweifelsfall eine kleine Abmahnung braucht, wie mir scheint.

Dabei kann ich heute doch so zufrieden mit meinem Team sein. Immerhin hat Kayra nach nur drei Tagen Homeoffice mitgekriegt, dass ihr Computer gar nicht geht.

Herr, schmeiß bitte mal etwas Hirn vom Himmel. Ja, ich gehe während meiner Arbeitszeit auch mal in die Küche, ich habe hier immerhin viel öfter Küchendienst. Also, eigentlich immer. Aber das ist trotzdem ja nicht die Lizenz zum Gammeln.

Das sind dann übrigens die Leute, die nach Beendigung der Maßnahmen am lautesten klagen, dass ja so viel Arbeit auf ihren Schreibtischen liegengeblieben ist. Aber sie halten sich für besonders intelligent.

Na ja, ich will nicht meckern. Immerhin ist mir das Glück vergönnt, mir das alles nur von Ferne aus prosaischen Ausführungen der Vernunftbegabten anhören zu müssen. Das Homeoffice hat also durchaus einen nennenswerten Vorteil. Ansonsten fehlen mir aktuell nur etwas Bewegung und die Sozialkontakte.

Obwohl ich heute fast welche hatte. Ich war nämlich ein wenig spazieren. Bis zum nächsten Pennymarkt. Mit Zwischenstopp im Biomarkt, weil ich auf der Suche nach der Teesorte Sonnengruß bin. Theoretisch gibt es den sogar im Biomarkt, war aber gerade überraschenderweise ausverkauft.

Und auch bei Penny gab es kein Klopapier. Ich brauche keins, aber ich wollte es nicht unerwähnt lassen.

An der Kasse hätte ich dann der Tante hinter mir am liebsten ein Maßband geschenkt. Die hing nämlich ziemlich genau in meinem Nacken, während sie ihre Einkäufe wechselseitig in meine Achselhöhlen knallte.

Aber ich habe das nonverbal gelöst.

Manchmal muss die Devise einfach lauten: Lasst Augenbrauen sprechen!

Geht ja sonst auch. Bei meinem Exkollegen Bernhard, zum Beispiel, klappt das ganz gut. Aber der hat auch Angst vor meinen Augenbrauen.

An dieser Stelle also ein dickes Dankeschön an Oma für dieses ausdrucksstarke Erbe.

Es rettet Leben.

 

Dann boykottiere ich eben Klopapier

Ich boykottiere ja so gerne, dass es im Grunde gar nicht so sehr um den Gegenstand meines Boykotts geht, sondern eher um die Verweigerung an sich.

Weil ich gerne gegen den Strom schwimme.

Ist ja auch viel sportlicher.

Jedenfalls war ich heute außer Haus. Erstens musste ich in die Apotheke, ein Medikament abholen, bei dessen Anblick ich die Apothekerin eigentlich darauf hätte hinweisen müssen, dass ich in einer winzigkleinen Zweizimmerwohnung wohne, und das auch noch zu zweit.

Jetzt erwäge ich einen Umzug.

Früher, als ich noch jünger war, da hatte ich so eine Keramikdose mit Deckel, da kam die Hausapotheke rein und fertig. Heute habe ich die Dose immer noch, sie ist schließlich schwarz mit einem formschönen, roten Detail am Deckelrand, aber die neue Schachtel mit dem Dreimonatsvorrat passt da definitiv nicht rein.

Ich überlege, ob ich für das Medikament ein eigenes Zimmer einplanen sollte.

Für die Klopapiervorräte in diesem Haushalt brauche ich zumindest keins. Weil ich nämlich schon mal in der Apotheke war, auch war der Ingwer ausgegangen, schritt ich gemessenen Schrittes gen Edeka. Ingwer kaufen. Total wichtig, um das Immunsystem zu stählen.

Es gab auch wirklich nur Ingwer, alle anderen Bedürfnisse musste ich vorerst zurückstellen, und auch der Drogeriemarkt hatte das benötigte Messgerät, das ich heute zur Selbstkontrolle kaufen wollte, gerade nicht am Lager. Was insofern ganz praktisch war, denn Klopapier gab es auch nicht, und wir sind bei der letzten Rolle. Damit ergab sich für mich die Notwendigkeit, zum Drogeriemarkt Nummer zwei zu gehen.

Auch kein Klopapier, aber ein Messgerät. Habe mich zwischenzeitlich in der Bedienungsanleitung festgelesen. Wahnsinnig unterhaltsam ist die zwar nicht, dafür aber ungefähr so dick wie das berühmte Märchenbuch der christlichen Kirche.

Bei MäcGeiz auch kein Papier, nur sehr enge Gänge, die das Einhalten des Mindestabstands doch sehr erschweren. Auf dem Weg nach draußen dachte ich dann so bei mir Dann boykottiere ich diese ganze Scheiße eben und kaufe einfach eine weitere Packung Taschentücher, bevor auch die ausverkauft sind.

Was allerdings einen spontanen Besuch bei Aldi beinhaltete. Natürlich war das Klopapierregal ebenfalls leer. Aber ich war fortan mit weiteren dreihundert vierlagigen Taschentüchern mit Frühlingsmotiven auf der Verpackung ausgestattet. Damit haben wir jetzt sechshundert Taschentücher im Haus, weil mein Sohn auch schon eine Dreißigerpackung gekauft hatte. Nur mit schöneren Bildern.

So ich das aus der Ferne in der oberen Kammer beurteilen kann.

Ich lief mit meinem anachronistischen Gedankengut hinter der Stirn fröhlich nach Hause. Ich war auch schon über die große Frankfurter Allee mit der effizienten Fußgängerampelschaltung drüber. Da erblickte ich einen einzelnen Bürger in einigen Metern Entfernung.

Klopapier!

Oh!

Mein!

Gott!

Eine ganze Packung. Wieselflink scannte ich diese, um herauszufinden, in welcher Dependance des kapitalistischen Einzelhandels man wohl gerade die Waren ausgepackt hat.

Edeka! Da war ich zwar heute schon und hatte auch meinen Ingwer sowie einige Macadamianüsse erworben, zu denen mir mittlerweile der Kassenzettel fehlte, aber das war egal. Und ich muss ja auch täglich zehntausend Schritte tun, welche ich durchaus im Rahmen meiner Forschungen nach Papieren von der Rolle schaffe.

Ich drehte also vor lauter Sportsgeist – und immer noch mit dem Verweigerungsgedanken im Hirn – stehenden Fußes um, wurde an der mittlerweile natürlich roten Fußgängerampel leicht ungehalten, weil dieses Scheißding in diesen klammen Momenten natürlich nicht umschaltete, aber ich wollte auch nicht gleich die Anregungen der StVO ignorieren.

Wie klingt denn das, wenn das Ordnungsamt mich beim Überqueren einer roten Ampel um Geld anhaut und ich dann sage Bei Edeka gibt´s gerade frisches Klopapier!?

Jetzt, wo ich es aufgeschrieben habe: gar nicht mal so abwegig.

Trotzdem. Ich bin mir meiner Vorbildfunktion durchaus bewusst. Vielleicht nicht Kindern gegenüber, aber die sind im Straßenverkehr sowieso meistens fitter als viele Ausgewachsene.

Na ja, am Ende habe ich mit feuchten Augen eine wunderbare Zehnstückpackung auf den Kassentresen geschoben.

Der Heimweg war ein einziger Freudentaumel.

Während ich das Paket gut festhielt, um eventuellen Taschendieben das Leben nicht unbedingt zu erleichtern, natürlich.

Über sämtliche Wangen strahlend kam ich zu Hause an, ließ sogleich ein Beweisfoto in Siegerpose mit Toilettenpapier extra weich (!) durch mein Kind erstellen und sandte es an die Welt.

Eigentlich wollte ich ja zu Hause noch etwas turnen, bevor der große Fernsehmarathon heute losgeht, aber ich war zu beschäftigt damit, die Glückwünsche aus dem Umfeld entgegenzunehmen.

Es haben alle gratuliert.

Außer Tina, aber die hat meine Nachricht noch nicht gesehen, vielleicht weil sie noch was Wichtigeres zu tun hat.

Als ob es dieser Tage etwas Wichtigeres gäbe als Klopapier.

Aber mal sehen, wie ironiefähig ich diesbezüglich in zwei Wochen noch bin.

Mir ist nicht mehr zu helfen

Na gut, das wussten wir schon.

Mein heutiger Homeofficetag begann formschön mit Ruslana. Der gestrige endete mit ihr, da hatte sie mir Emails zur Bewertung und zum Eingreifen geschickt, und heute saß ich davor und fragte mich, was die Frau eigentlich will.

Es war alles klar.

Nur in Ruslanas Kopf nicht.

Mittlerweile wünscht mein ebenfalls im Homeoffice befindliches Busfahrerkind schon, dass ich sie laut stelle, damit er was zu lachen hat.

Jedenfalls wurden Ruslana und ich dankenswerterweise vom Kompetenzludwig unterbrochen. Der hatte mich angerufen, um mir mitzuteilen, dass der Chef mich zum Kreis der Auserwählten gewählt hatte. Bezüglich Videokonferenz.

So saß ich also am frühen Nachmittag vor meinem Dienstrechner und gewährte den versammelten Leitungskräften, den Chefs, Ludwig und, als technischen Berater, dem Idioten meines Vertrauens den Ausblick auf mein Mandarinenbäumchen und mich.

Natürlich hatte ich absolut keine Motivation, letzteren so direkt in mein Wohnzimmer mit den knusprigen Pflanzen im Hintergrund gucken zu lassen, so dass es mich auch überhaupt nicht störte, das ich die ersten fünfundzwanzig Minuten dieses Meetings im Stummfilmmodus betrachten musste.

Einen Eingriff von Ludwig, der den Lautstärkeregler einfach mal aufdrehte, später, ging es aber doch. Das waren auch ganz tolle fünfzehn Minuten, bevor uns der Anbieter der Gratisversion des Videokonferenzprogramms aus dem Äther schmiss.

Und ich muss zu meiner Ehrenrettung hinzufügen, dass der Lautstärkeregler nur sehr schwer zu finden war. Nicht so schwer wie aktuell das Klopapier, aber doch schwer genug. Selbst Ludwig brauchte drei Anläufe. Ich hätte mich gleich an den Idioten wenden sollen. Der ist zwar charakterlich etwas grenzwertig aufgebaut, aber technisch kennt er sich aus. Obwohl… vielleicht hat er mir das ja die ganze Zeit zehnmal erzählt, und ich habe es einfach nur nicht gehört.

Na ja, eher unwahrscheinlich, wir ignorieren uns. Und es stört mich auch nicht mehr. Zumindest ärgert es mich nicht, ich nehme es lediglich zur Kenntnis. Und erwähne es noch. Mehr aber auch nicht.

Ich war sowieso nicht richtig dabei, weil mich kurz vor der Konferenz Ruslana nochmal angerufen hatte. Sie machte sich Sorgen, weil ich versehentlich eine Rechnung auf dem Drucker vom Chef ausgedruckt hatte. Jetzt dachte sie, dass der Chef denken könnte, ich würde ihm damit sagen wollen, dass ich mit der technischen Situation unzufrieden bin.

Ich habe keine Ahnung, was in diesem Kopf vor sich geht. Selbst wenn.

Und deshalb ruft die mich mitten in der Soko an!

Neben der schaffe ich es immerhin, Zahlungserinnerungen zu erstellen, da kann ich auch mal ein bisschen multitasken. Ich kann ja auch, während ich wirklich arbeite, mein Traumfahrrad im Internet bestaunen.

Ist leider immer noch nicht lieferbar. Aber es steht ja auch Trabant dran, da kann man auch mal siebzehn Jahre drauf warten. Ich sollte es gleich bestellen. Bevor ich wieder was lerne…

Zum Beispiel: Wenn man auf der Seite der Bikemanufaktur Sachsenring auf F9 drückt, hat man danach ein Klapprad im Warenkorb.

Das ist zwar der Artikel direkt neben meinem nicht klappbaren Wunschvehikel, aber es geht auch viel schneller ins Körbchen. Vor allem ist es lieferbar.

Na, wir werden sehen. Ich habe Geduld.

Ein wenig.

Und noch gar keinen Platz.

Davon aber viel.

Außerdem habe ich noch andere Hobbys, wie zum Beispiel meine Fachärztin aufzusuchen. War fünf Minuten zu früh. Und habe gelernt: Vor der Sprechzeit guckt sie direkt böse.

Aber dann hat sie mein Ernährungsprotokoll gelesen, rief zwischendurch Oh, lecker! und konstatierte, dass sie mir an der Front nicht mehr helfen kann. Dann also weiter die Elefantenpillen, die ich allerdings aufgrund ihrer ovalen Form sehr gut runterkriege, und Ende April das nächste Date.

Dazwischen kaufe ich mir noch ein Messgerät für zu Hause und überprüfe mich engmaschig selbst.

Damit wäre die Überschrift ad absurdum geführt.

Mir ist zu helfen.

Und wenn es kein anderer kann, mache ich es eben selbst.

Nichts Neues aus dem Homeoffice

Weil ich gestern urplötzlich keine Lust mehr auf mein Hobby hatte, war ich heute auch sehr unproduktiv in meinem Homeoffice.

Das heißt, ich habe schon viel gemacht, zum Beispiel den Backofen eingeweicht, den Teppich entstaubt, das Bad etwas gereinigt. Während ich ein morgendliches Gespräch mit Gesine führte, wischte ich noch Staub auf den Möbeln weg, und mit Claudia am Telefon entfernte ich Spinnenweben über dem Kleiderschrank. Und der Backofen sieht wieder aus wie neu. Na gut, er ist auch neu, aber mittlerweile sieht er auch wieder so aus.

Nebenbei habe ich mich aber natürlich ein wenig meiner Arbeit gewidmet. Bis sechzehn Uhr, obwohl zu dem Zeitpunkt schon Vanja anritt, damit wir gemeinsam einen Powerspaziergang zur sportlichen Ertüchtigung machen können.

Just in diesem Moment rief Ruslana an.

Das war wieder typisch: Kaum habe ich Feierabend, rollt die Arbeit im russisch akzentuierten Imperativ auf mich zu.

Ruslana, ich habe gerade alles ausgemacht.

Sie fing dennoch an zu erklären.

Ruslana, fasse Dich kurz! Ich muss gleich los.

Ruslana erklärte. Ich habe keine Ahnung, was. Weil immer, wenn sie den einen Passus, den ich akustisch nicht verstanden hatte, nochmals wiederholte, jemand aus meiner häuslichen Gemeinschaft, den ich heute früh am liebsten sofort rausgeschmissen hätte, nachdem ich das Bad nach seiner Dusche im Tageslicht gesehen hatte, dazwischen quatschte.

Bis sie verstanden hatte, dass ich ihr Anliegen erst morgen klären können werde, hatte ich schon einen Termin, zu dem ich jetzt dringend aufbrechen musste, erfunden.

Schließlich stand ja Vanja bereit. Und ich musste ihm dringend noch sein Weihnachtsgeschenk überreichen.

Er war schon schwer vom Einpackpapier begeistert. Und wo es das gibt.

Bei Ikea. Ist aber zu. Und das Papier ist auch aus der Winterkollektion von 2018. Wahrscheinlich definitiv ausverkauft. Zumindest meine ich, mich so zu erinnern. Als Ikea noch offen hatte.

Aber ich fand es seinerzeit sehr hübsch mit den psychedelischen Fliegenpilzen. Na ja, und der Inhalt scheint ihm auch gefallen zu haben. Zumindest hatte ich den akustischen Eindruck. Sehen konnte ich es ja nicht, weil wir natürlich den vorgeschriebenen Sicherheitsabstand eingehalten haben.

Mit zwischenzeitlicher Desinfektion.

Überhaupt muss ich eigentlich jeden Morgen erstmal mit der Flächendesinfektion durch die Wohnung springen. Denn wenn mein Zuhause denselben wohligen Geruch wie mein Büro ausströmt, fühle ich mich vielleicht wie auf Arbeit, und dann flutscht das auch gleich viel besser.

Nur so eine Theorie.

Morgen Nachmittag habe ich sowieso erstmal einen Arzttermin. Eigentlich wollte ich deshalb morgen früh zur spontanen Nüchternblutuntersuchung zu meiner Hausärztin gehen, aber da darf man ja nur noch unter telefonischer Vorwarnung hin.

Es geht nur leider keiner an den Apparat.

Auf dem Anrufbeantworter, als der dann endlich beim erneuten Versuch anging, die Ansage, man solle sich telefonisch voranmelden.

Ja, kann man machen.

Aber man kann auch eine Brieftaube schicken.

Da müsste ich jetzt mein Elternpaar anrufen, mein Vater ist schließlich Züchter, und das Elternpaar wird ja wohl hoffentlich ans Telefon gehen, wenn ich eine Taube bestellen will.

Aber ach, die Wegstrecke schafft die Taube zwar, aber dann muss die nach ihrer Ankunft erstmal in Quarantäne auf meinen Balkon, bevor ich sie weiterschicken kann, auch wenn es nur drei Hausnummern bis zum Arzt sind, und das könnte dann doch etwas zu entschleunigt sein. Bis dahin war ich ja zehnmal direkt früh und nüchtern beim Facharzt.

Auch eine schöne Idee: täglich früh um acht marschiere ich einmal die fünf Straßenzüge bis zu Frau Doktor, da komme ich meiner vorgeschriebenen Tagesschrittzahl näher und habe auch noch die nicht zu unterschätzende Gelegenheit, die Kaufhallen am Wegesrand nach Klopapier abzugrasen.

Im Rahmen meines Powerspaziergangs mit Vanja heute war ich am Ende in sechs Geschäften.

Es gibt kein Papier.

Bei Kaufland immerhin noch Küchenpapier. Vanja kaufte welches, weil dieser Artikel bei seiner Mutter ausgegangen war. Ich nicht. Nein, ich kaufte mein Notfallpaket Küchenrollen fünf Minuten später im Drogeriemarkt.

Ich habe das auf dem Heimweg mal überschlagen: Wenn ich das Küchenpapier in jeweils drei normal breite Scheiben schneide, habe ich heute zwölf Rollen Klopapier erworben!

Da fühle ich mich doch sofort im evolutionären Vorteil.

Sportlich spazieren

Ja, das war ich heute. Irgendwie. Zumindest, was Ausdauer angeht.

Mit Nele. Weil wir beide mittlerweile einen gewissen Stubenkollerstatus erreicht haben und erfreulich nah beieinander wohnen. Das schafft man locker zu Fuß. Ist mir nur bisher nicht aufgefallen.

Aber doch. Ich habe sogar den Weg bis zur guten Mitte heillos überschätzt. Deshalb ging ich zwanzig Minuten vor der vereinbarten Zeit los. Was in der Summe bedeutete, dass ich zehn Minuten früher dran war. Aber ich bin dann einfach bis kurz vor Neles Haustür weitergelaufen.

Wo ich schon dabei war… und in diesen Zeiten zählt ja jeder Schritt auf dem Bewegungskonto mit…

Jedenfalls war das sehr schön. Die Sonne schien, und ich rede immer noch zu viel, aber das kann man direkt öfter machen. Sie hat dann noch den baldigen Besuch eines anderen Parks vorgeschlagen, aber da müsste man mit dem Fahrrad hinfahren. Meins ist allerdings weg. Doch Nele hat noch eins im Keller, bei dem lediglich die Luft aufgepumpt werden müsste. Und es fährt sich ein bisschen schwer. Was aber unter dem Aspekt des Bewegungsmangels dann doch wieder positiv zu bewerten ist.

Diese Information bemüßigte mich nach meiner Heimkehr, welche achttausenddreihundert Schritte mit sich führte, dazu, mich online im örtlichen Fahrradgeschäft kundig zu machen. Die Bewertungen jedoch… Sagen wir es mal so: drei von fünf möglichen Sternen und die Wortbeiträge auch eher so mittel.

Nun sollte man sich zwar nicht immer von den Sternen blenden lassen, aber mein abhandengekommenes Fahrrad war ein Diamant. Von Oma. Baujahr 1980. Also, das Fahrrad, nicht meine Oma. Und 1980 ist ein Jahr, das gewisse Sympathien hervorruft. Auch wenn der dazugehörige Typ eine ordentliche Macke hat.

Habe mir aus diesem Grund Diamantfahrräder im Internet angesehen. Leider entsprachen sie überhaupt nicht meinen optischen Präferenzen. Also, ab zu MiFa. Es gibt da ja so Fraktionen… und ich war immer Diamant. Jetzt nicht mehr so. Ich hatte bisher sowieso kein besonders großes Glück mit meinen Fahrrädern. Auch ist mein Herz spontan entflammt: ein rotes Fahrrad mit dem Namen Trabant. Das ist in etwa so, als würde mein Name dranstehen.

Ich habe schon mein zukünftiges Schlafzimmer vermessen und in Gedanken die Möbel so platziert, dass ich das Fahrrad nicht außerhalb der Wohnung abstellen muss. Da kommt es nur in die falschen Hände. Aber das Kind ist noch nicht soweit, als dass ich mir mein Schlafzimmer herrichten könnte. Und wenn jetzt alle Großveranstaltungen ab drei Teilnehmern abgesagt werden müssen, verschieben sich die Abschlussprüfungen in den nächsten Wintermonat, und dann zieht er auch noch nicht aus.

Wenn er es denn danach jemals tut. Ich meine, ich finde es natürlich sehr schön, wenn mein Kind noch bei mir wohnt, aber Platz fürs Fahrrad ist auch sehr schön.

Es ist nur aktuell nicht lieferbar.

Ich hatte auch schon überlegt, direkt ins Werk nach Sangerhausen zu fahren. Aber das ist Quatsch, denn dann müsste ich das kleine Mitbringsel ja auch nach Hause transportieren. Nicht wegen der dreißig Euro teuren Liefergebühr.

Um mich irgendwie zu beruhigen, habe ich erstmal Stoff zugeschnitten.

Zwei Stunden lang.

Inklusive Nadelnstechen. Zum gucken, ob das so geht. Es geht.

Nur kurz vor dem Zuschnitt des letzten Belegs für den hinteren Halsausschnitt hatte ich dann leider erstmal und habe alles recht schnell wieder an Ort und Stelle zurückgeschoben.

Das Homeoffice morgen will ja auch ordentlich aussehen. Und nee, ich habe heute dann doch keine Lust mehr, ich warte jetzt lieber auf meinen Criminal-Minds-Marathon.

Ok, drei Folgen, obendrein alte, aber ich stricke ja auch noch Socken. Meine Sockenschublade geht nur noch mit sehr viel gutem Zureden zu, dennoch stricke ich weitere Socken.

Aber ansonsten fühle ich mich heute sehr ausgeglichen.

Frische Luft macht´s möglich!