Die 235 war wieder reines Gift und Musiktherapie hilft mir gerade auch nicht mehr wirklich

Da haute doch heute Kayra am Mittagstisch, während sie an ihrer Fünfminutenterrine nagte, an Anne gerichtet, die ihrerseits an einer Pizza kaute, heraus Ich denke, Du isst nur einmal in der Woche Junkfood?! Morgen gibt es dann Pommes.

Na, heute ist ja mein Kind dabei.

Aha. Sehr pädagogisch.

Leider war ihre Pizza mit Pilzen belegt. So lange ich in der Küche saß und in die Dämpfe sozusagen reingewachsen bin, ging es, aber dummerweise kam ich auf die Wahnsinnsidee, mir meine Kaffeetasse zu holen. Und damit in der Hand ging ich nun in die Schwaden zurück.

Scheiße, war mir schlecht! Obendrein erblickte mein Auge beim zufälligen Blick ins Emailfach, so ganz nebenbei, auch noch Post von meinem kleinen Knallkopf, der gar nicht so klein ist, wie er aussieht. Da war mir doch gleich doppelt schlecht. Schließlich betraf die Post genau meine Baustelle.

Aber erstmal Kaffee, ne. Der Kollege muss warten. Das tut ihm ganz gut. Und meine Laune ist sowieso schon ausgesucht schlecht. Auch wenn er sich vielleicht keiner Schuld daran bewusst ist. Er ist schuld. Daran, dass ich mich wie ein Idiot aufführe. Und dementsprechend unzufrieden mit mir selbst bin. Auch mit der Welt bin ich unzufrieden.

Und überhaupt.

Als ich zu meinem Arbeitsgerät zurückkehrte, war eine weitere Post vom identischen Absender da. Er hätte gerne eine Kundennummer. Am liebsten hätte ich ja gefragt, ob der noch alle Steine auf der Schleuder hat. Mich so zu hetzen!

Ich änderte mich allerdings nochmal um. Ob ich ihm denn je eine Kundennummer vorenthalten hätte. Mit Fragezeichen.

War schon sehr gespannt auf die Antwort.

Kam keine.

Ich musste mich beim Korrekturlesen echt disziplinieren, nicht ständig auf das Posteingangssymbol unten rechts zu gucken. Dieses misslang. Spätestens nach zwei minimalistischen Absätzen guckte ich wieder. Ich war am Ende so traurig, dass ich überlege, morgen zur Sicherheit meine Streitaxt einzupacken.

Und eine Schaufel.

Für Eventualitäten.

Im Kopfkino schrien wir uns gerade formvollendet an. Der ganze Frust, von dem der wahrscheinlich höchstens am Rande ahnt, muss ja schließlich mal raus. Möglicherweise ahnt der noch nicht mal peripher irgendwas. Und denkt, unsere Kollegin Katja spinnt. Keine Frage, das tut sie, aber hier eigentlich nicht.

Habe dann zum Ausgleich noch ein wenig mit dem Chef herumgeflachst. Sascha schlug nach einem Blick aus dem Fenster vor, dass ich gleich über Nacht im Büro bleibe. Dem konnte ich nur zustimmen. Wollte ich schon immer mal machen. Mit Sascha und dem Chef übernachten. Wo auch immer. Es waren auch noch zwei Flaschen Rotkäppchen vorrätig.

Was heißt waren? Sie sind immer noch da. Wir waren ganz artig. Temporär zumindest.

Ja, super, krähte ich durch die Chefetage, wir machen eine Pyjamaparty! Habt ihr auch alle Eure Schlafanzüge mit?

Ich hab meinen an, antwortete mein Chef. Sascha fiel mit zweifelhaftem Gesichtsausdruck auf seine Tastatur, und ich habe gar lieblich geschwiegen.

Aber es hätte nicht viel gefehlt, und ich hätte fast gesagt, dass ich für gewöhnlich nackt schlafe. Wenigstens an dieser einen, kleinen Stelle kann ich also stolz auf mich sein.

Na gut, ich bin dann mal lieber zum Sport gegangen. Und habe beim Stählen meiner Muskeln (vergessen Sie bitte die Streitaxt nicht – so ein Ding wiegt ja auch was) meine Musiktherapie begonnen.

Funny van Dannen hat heute nicht geholfen!

Funny van Dannen hilft mir sonst immer.

Alice Cooper musste ich leider überspringen, Dark Metal ging, aber hängengeblieben bin ich schlussendlich bei Gundermann.

Das macht ja nüscht, das macht ja nüscht, das wird ja wieder abgewischt… Ja, genau! Abwischen, die ganze Scheiße! Das hätte mir schon viel früher einfallen sollen, hab ich schließlich schon im Kindergarten gelernt. Wenn auch in einem banaleren Kontext. Und der Kindergarten ist bei mir ja, wie wir wissen, auch schon wieder ein paar Monde her.

Helga Hahnemann hat übrigens auch maßgeblich zu meinem Wohlbefinden beigetragen. Und Korpiklaani. Wer die, was mich sehr überraschen würde, nicht kennt: Das ist eine lustige, finnische Band der Gattung Folk Metal. Auch sehr schön. Wenn man Musik mit gut ausgeprägter Rhythmusfraktion mag, zumindest.

Und weil ich so ein begeisterter Zahlenmagiker bin, war ich natürlich hochgradig gespannt, was wohl die Nummer 235 in der aktuellen Shufflefunktion sein wird. Die Zahl ist auch ein Geburtsdatum, deshalb. Man kann sich schon denken, wessen, oder?

Es war ausgerechnet Poison! Intoniert von Tarja Turunen zwar, aber Poison bleibt Poison.

Mir geht die Botschaft total auf. Und wenn das auch keiner verstehen kann, ist es mir momentan ziemlich wurscht. Ich gucke jetzt böse.

Obwohl ich schon staubgesaugt habe. Weil ich am Sonntag nicht in eine ungesaugte Wohnung heimkehren möchte. Denn morgen gehe ich zur Arbeit und komme erst Sonntag von woanders zurück.

Und am morgigen Abend treffe ich auch endlich auf einen richtigen Musiktherapeuten.

Und eine Psychiaterin.

Schon bei der Vorstellung höre ich doch, wie Gott sagt Gottseidank!

Na ja geht so wa

Rein theoretisch hatte es ein wirklich wunderbarer Wochentag werden wollen.

Aber nur theoretisch. Weil der Wechsel zwischen schön und scheiße bisher so regelmäßig war. Also, abgesehen davon, dass heute erst Mittwoch ist. Kommt mir nur vor wie Freitag. Jedenfalls doch keine regelmäßigen Gesetzmäßigkeiten. Auch gut.

Immerhin hatte ich endlich mal wieder eine kognitive Anforderung zu erfüllen. Korrekturlesen. Gleich vierundvierzig Seiten! Sehr schön. Ich verbarrikadierte mich in meinem Büro.

Auf Seite vierundzwanzig habe ich dann den Feierabend eingeläutet. Da stand ein Satz, den ich einfach nicht mehr zuordnen konnte. Und da dachte ich Jetzt ist es Zeit. Der Blick zur Uhr bestätigte mich in dieser Annahme.

Zwischendurch hatte mein lieber Kollege noch eine sehr, sehr dienstliche Email geschrieben, aber da kann ich nicht meckern, weil die an unser allgemeines Verwaltungspostfach ging. Und es hing ein Anhang dran.

Das Original dazu sollte in den nächsten Tagen bei Euch eintreffen.

Sprach er dienstbeflissen.

Ja. Ok. Dann hätte er sich diese Mail ja eigentlich sparen können.

Zwei Minuten später kam ein Fax.

Identischer Absender.

Identischer Inhalt.

Gut, die Kostenübernahme, die übrigens weder für Mick Jagger noch für Alice Cooper war, haben wir jetzt. Und wenn dann das Original bei uns eingeht, werde ich das wohl der Vollständigkeit halber nochmal an den Kollegen schicken. Nur zur Sicherheit. Damit er das auch noch hat. Und natürlich mit Vermerk und Hinweis.

Ich hoffe nur, sie kommt nicht während meines Urlaubs, aber ich weiß auch schon, wie ich Gesine instruiere, ohne, dass sie etwas merkt. Und dann kann ich das noch bringen. Damit die Kollegen auch ja denken, ich würde mich langweilen. Mache ich ja auch meist sehr schnell.

Ich bin vor Vorfreude schon ganz gelöst.

Da fällt mir doch gleich der Bastl ein. Bastl war der Dackel meiner älteren Nachbarin Lore. Sie hatte gerade eine Knieoperation hinter sich gebracht und war verständlicherweise nicht so mobil. Ich hatte gerade Zeit, und so bin ich damals, 1997, immer mit Bastl durch den Wald.

Und Lore hat immer gesagt Er muss ein wenig laufen, damit er sich lösen kann.

Deswegen denke ich immer an diesen Hund und seine Verdauungsmechanismen, wenn ich das Wort gelöst höre.

Die sind jetzt beide schon ganz lange tot, aber die Assoziation sitzt. An der Wohnungstür hing sogar ein Schild, auf dem Lore & Bastl stand. Was die besondere Beschaffenheit meines sozialen Umfelds betrifft, wurde ich also schon relativ früh geprägt. Nicht erst in den letzten Jahren, wie ich immer dachte.

Das finde ich aber auch gut so.

Jetzt kommt erstmal der Lachs in die Pfanne. Ein bisschen Haushalt muss schon sein. Eigentlich wollte ich hier heute klar Schiff machen, aber die Motivation hat geradeso bis zur Waschmaschine gereicht. Und das auch nur, weil das morgen Abend trocken sein muss.

Denn dann muss ich meine Tasche fürs Wochenende packen.

Und den Haushalt wiederherstellen.

Wieder typisch. Procrastinieren bis zum Erbrechen. Und bis wirklich alles auf einmal über einem hereinbricht. Merkwürdigerweise schaffe ich das dann aber doch immer irgendwie.

Und was ich nicht schaffe, ist nicht wichtig.

So muss man das auch mal sehen.

So eine Scheiße Dreck verdammter Mist

Keine Ahnung, was zum Teufel da mit mir geschehen ist. Ich weiß noch, wie ich heiße, ansonsten weiß ich nix, mein Kleinhirn funkt durch Nebelschwaden Raider heißt jetzt Twix.

Schön wär´s. Aber nein. Mein Kleinhirn funkt durch irgendwas, was definitiv kein Nebel ist, sondern etwas noch Dichteres, Flora, Du Idiot! Die ganze Zeit.

Der Tag war in der Endsumme ja so scheiße. Ich hätte gut auf ihn verzichten können. Oder meine Erwartungshaltung war zu hoch. Das auf jeden Fall.

Heute war ja nun der große Tag. Nicht nur diese lustige Gremiumswahl, zu der Anne mich als Kandidatin vorgeschlagen hatte, auch der Kollege stand mal wieder auf dem Speiseplan.

Nachdem wir am Morgen erstmal zehn Minuten wortlos umeinander herumgeschlichen sind, haben wir uns wenigstens mit freudigem Augenbrauenwackeln und höfischen Knicksen begrüßt. Sämtliche weitere Kommunikationsansätze fanden nonverbal statt.

Und dann kam die Wahl. Drei Monate habe ich überlegt, wie ich aus der Nummer rauskomme. Vor drei Wochen dann die Wende. Der Kollege sprach Mach das doch, komm ins Zentrum der Macht. Ich überlege auch, wieder mitzumachen.

Und ich dachte mir Ja, warum denn nicht?

Fünf von acht Leuten haben mich vorgeschlagen. Außer Anne. Die hatte sich das in der Zwischenzeit wohl anders überlegt. Und schlug sich selbst vor.

Das hat sich sonst niemand getraut. Weil Anne eigentlich ausgelastet ist.

Aber in ihren Augen findet sie sich selbst durchsetzungsfähiger, und diese Eigenschaft hätte unser Kandidat fürs Gremium unbedingt haben müssen. Schön, dss sie mich drei Monate völlig paralysiert hat. Für nichts! Im Grunde.

Eigentlich wollte ich ja sowieso nicht. Aber das ist irgendwie trotzdem scheiße. Nur weil ich mir Argumente von anderen auch mal zu Herzen nehme. Und niemanden indoktriniere.

Aber wer weiß, wofür das wieder gut ist. Habe ja auch noch anderes zu tun.

Kopfkreisen zum Beispiel. Der Kollege kommt dann übrigens auch nicht ins Gremium zurück. Er blickte hochgradig unzufrieden in die Welt. Und stand da so im Schatten zu einer Art Meditation. Bin dann zweimal an ihm vorbeigelaufen. Aber ich habe nichts gesagt. Jetzt frage ich mich natürlich Hätte ich doch?

Oder war mein Gefühl richtig? Das sagte Sprich den jetzt bloß nicht an.

Und ich selbst war auch derangiert.

Ausgerechnet in diese Gefühlslage hinein quatscht mich ausgerechnet Anne an, ob wir jetzt nicht doch noch ins Büro fahren wollen. Ist ja erst eins.

Darauf bin ich mental gar nicht eingerichtet.

Außerdem hatte ich Hunger. Und zwar richtig. Auch das Bedürfnis, die Wohnungstür hinter mir zu schließen, mich ins Bett zu legen und gar hemmungslos in mein Kissen zu heulen, weil die Gesamtsituation so unzufriedenstellend war und ich so ein verdammter Idiot, war recht übermächtig.

Hab ich auch gemacht. Ohne diesen unsinnigen Zwischenstopp im Büro. Nur die Tränen wollten nicht fließen. Zumindest nicht so richtig, als dass man das als Erlösung erleben könnte.

Ich habe mich dann an der Umordnung der Katjas erfreut. Katja drei ist jetzt Katja zwei, denn Katja zwei ist heute mal sehr schön zur Nummer drei degradiert worden. Nur meine Privatkatja bleibt die Nummer eins.

Weil nämlich die neue Zwei mich spontan zur Begrüßung umarmte. Ich wusste zwar nicht, dass wir uns so nah sind, aber wenn sie das so sieht, soll es mir recht sein. Wenigstens ein erfreuliches, soziales Erlebnis, bei dem die ehemalige Zwei nicht mithalten konnte. Kann die mich jetzt nicht mehr leiden, oder was? Und wenn ja, warum? Auch egal.

Dem einen freudigen Ereignis sollten auch vier weitere folgen.

Vivi musste schließlich besucht werden. Das reicht eigentlich schon. Sie bewunderte mein Kleid. Susanne war auch wieder da. Ich klagte mein Leid.

Och, das wird schon. Haste eigentlich gut gemacht. Der Mann muss einfach mal ordentlich irritiert werden!

Ja, so kann man natürlich auch an die Sache herangehen.

Meine Thüringer Freundin, die ich anrief, um zu erfahren, ob ich nächste Woche nach Thüringen fahre oder meinen Flur renoviere, sagte das auch.

Ich streiche dann übrigens meinen Flur. Noch ein erfreuliches Erlebnis. Zumindest das Telefonat mit meiner Thüringerin.

Mit Heidi habe ich nach mehrmaligem Hin und Her auch noch gesprochen. Aber die war mit der aktuellen Gesamtsituation genauso unzufrieden wie ich und verordnete mir jetzt erstmal, vierundzwanzig Stunden lang konsequent an etwas anderes zu denken.

Und immer, wenn der Gedanke an meine Idiotie und den Kollegen wiederkommt, dann stelle ich mir einfach eine Scheibe Lachs in der Pfanne vor. Oder ähnlich schönes.

Es ist gar nicht so leicht.

Aber Eichhörnchen sind ja auch toll. Oder Wochenenden. Ist ja auch bald wieder eins. Und das muss ich erstmal überleben.

Wahrscheinlich mache ich mir sowieso wieder viel zu viele Gedanken, und der sieht das alles gar nicht so. Oder das mit dem Irritieren ist genau richtig so. Was weiß denn ich? Ich kann mich ja angeblich auch nicht durchsetzen.

Ja, weil mir viele Sachen einfach mal völlig schnuppe sind. Im Moment zumindest. Also, außer die eine. Die ich jetzt für vierundzwanzig Stunden ausspare.

Ich muss auch noch Wäsche fürs Wochenende waschen.

Eigentlich sofort, denn das muss Donnerstagabend ja auch schon wieder trocken sein.

Aber das schaffe ich heute irgendwie nicht mehr.

Nicht mal mental.

Schade eigentlich aber es ist alles wieder gut

Ach, schon wieder Montag.

Wie schön!

Er begann mit Aufstehen. Nach ganzen viereinhalb Stunden Schlaf. Ein neuer Tiefpunkt. Aber was soll´s? Ich muss ja doch. Außerdem sollte man sich jeden Tag an seiner Gesundheit erfreuen, so diese denn vorhanden ist.

Unbemerkt hatte Anne die Telefonzentrale auf meinen Apparat umgelegt. Und da blieb sie auch den ganzen Tag. Am Anfang habe ich mich noch darüber gewundert, dass die Krankmeldungen bei mir eingingen.

Der erste Kollege hat einen dicken Fuß und wird nun erfahrungsgemäß eine Woche zu Hause vor sich hin siechen. Ich wünschte ihm viel Spaß damit. Er klagte, dass jeder Toilettengang großen Schmerz verursacht. Aber nur im Fuß. Ja, das wollte ich schon immer mal wissen.

Nächster Anruf kam von Luuk. Was machst Du denn hier?! Rauschte er ins Telefon.

Ich arbeite hier!

Und da wurde mir klar, dass ich gerade gar nicht an mein Telefon gegangen bin, sondern an die Zentrale. Immerhin. Schon beim zweiten Versuch.

Er hat sich eine Rippe gebrochen. Beim Tanzen. Umgekippt. Genau irgendwo drauf. Da trifft es ja mal den Richtigen. Und ich hatte an der Stelle ja auch schon ein wenig vorgearbeitet.

Mit meinem Ellenbogen.

Welcher im Moment einer körperlichen, vollkommen überflüssigen, Bedrängung seinerseits recht schwungvoll auf seinen Brustkorb traf.

Ich musste mir leider ein wenig das Lachen verkneifen. Vor allem bei der Vorstellung von Luuk beim Tanzen. Ich stelle mir ja immer alles bildlich vor meinem inneren Auge vor. Deshalb lache ich auch so viel.

Er bleibt uns nun für mindestens zwei Wochen erspart.

Lachen sollte ich auch nicht.

Und da rufst Du ausgerechnet bei mir an?

Viele Leute lachen ja schon los, sobald ich den Mund aufmache.

Die meisten aber erst, wenn ich ihn wieder zu mache.

Auch ihm wünschte ich viel Spaß.

Bin ja nicht so.

Dann rief auch gleich noch eine Kollegin an, weil sich eine andere Kollegin den Finger beim Spielen mit dem betreuten Kind sowie einigen Gartenmöbeln abgerissen hat.

Vor zwei Wochen.

Und jetzt fiel denen ein, dass das nicht nur ein Arbeitsunfall war, sondern auch einer Krankschreibung bedarf. Und einer Krankmeldung. Nachdem ich das entsprechende Versicherungsformular herausgesucht hatte, erbrach ich mich erstmal schön in meine Tastatur.

Eigentlich wäre der Tag somit gelaufen gewesen, aber es war leider erst Vormittag. Da ist das mit dem Wunsch nach Erledigung und Abhaken des Tages etwas verfrüht.

Am Nachmittag musste ich noch gleich dreimal hintereinander mit Annes Exmann Nummer drei telefonieren, weil der ausrichten lassen wollte, dass er die Kinder nicht abholen kann, weil er nach dem Zigarettenholen in Polen im Stau steht.

Dies alles verbal sehr schwungvoll und in großer Hektik. Der nervt sogar mich. Von weitem. Aber das könnte auch ein rein kollektives Genervtsein sein.

Immerhin war ich heute ganz stolz auf Gesine. Ein Lichtblick: Sie hat ganz selbständig Rechnungen erstellt. Ohne, dass Mutti ihr die ganze Zeit über die Schulter geguckt hat. Und alles richtig. Am Ende meinte sie dann tatsächlich, dass sie jetzt viel entspannter ist. Und weil sich das mit meinen Beobachtungen an mir selbst deckt, war ich eben total stolz auf sie. Ich habe mich mindestens dreimal laut darüber gefreut. Ich entspanne mich auch immer am besten bei der Rechnungsstellung.

Klingt komisch, ist aber so.

Gegen Mittag hatte ich plötzlich Post. Der alte Mann, der mich gestern so angezickt hat, weil er die Termine durcheinandergebracht hatte, hatte in der Zwischenzeit seinen Fehler eingesehen. Und sich entschuldigt.

Oh! Aber Schade. Denn, wenn ich so richtig böse bin, dann gefallen mir meine Tagebuchtexte immer am besten.

Ich weiß gar nicht, warum. Wahrscheinlich, weil ich tief in meinem Inneren eine gewisse Neigung zu schwarzem Humor habe. Was allerdings auch irgendwie impliziert, dass ich schwarz mit böse gleichsetze.

Was ich natürlich eigentlich nie tun würde. Denn wir wissen ja, dass ich, zum Beispiel, nur zu gern in ein freundliches schwarz gewandet herumlaufe. Zumindest, bis ich etwas Dunkleres finde.

Aber was ist schon dunkler als die völlige Abwesenheit von Licht?

Doch höchstens die Seelen mancher Mitbürger. Und damit meine ich noch nicht mal meine. Denn so abgrundtief böse bin ich nun auch wieder nicht.

Bösartig vielleicht.

Ein bisschen.

Aber das ist nicht dasselbe.

Bitte bitte unbedingt

La La Land! Auf Blue Ray.

Nicht ich, aber Katja. Genau mit diesen Worten hat sie sich das zum Geburtstag gewünscht. Da mir ihr Wunsch stets Befehl ist, habe ich natürlich diesem Wunsch Folge geleistet.

Leider hatte Bonnie eine vollkommen identische Idee. Auch eine dritte Person, deren Identität hier nichts zu Sache tut, tätigte diesen Kauf.

Eine ganz gelungene Geburtstagsbescherung.

Und ich selten dämliche Kuh erzähle auf der Feier, dass ich noch über Alternativen nachgedacht habe. Weshalb der Kelch der Rücksendung jetzt bei mir hängengeblieben ist. Und das, obwohl ich meinen Aufreger des Tages zwischenzeitlich zu Gehör gebracht hatte. Ich hätte mehr Mitgefühl für mein armes Nervenkostüm gerechnet!

Es war so: Ich strich gerade Schlagsahne auf meine Knopperstorte, da hatte sich mein Handy geregt, was mir allerdings, da ich ja hochbeschäftigt war, erst zwanzig Minuten später auffiel. In der Nachricht stand Kaffee in zwanzig Minuten bei Dir?

Na, das kann ich ja leiden! Spontanbesuch! Nee. Keine Zeit, Wohnung sieht aus wie Sau und wirklich keine Zeit.

Das fällt Dir aber früh ein. Antwortete ich. Und dass ich nicht kann. Da schreibt der Mensch doch, dass das ja wohl mein Termin gewesen wäre. Und dass er mich gefragt hätte, ob wir uns am Freitag treffen wollen, worauf ich nur Besetzt, LG geantwortet hätte, woraus der verwirrte, alte Mann dann einen Termin für Sonntagmittag las.

Sehr interessant. Ich kann mich an diese Anfrage gar nicht erinnern. Auch möchte ich gern mal einen Menschen kennenlernen, der MIR einen Einwortsatz als Antwort zutraut. Jeder, der das tut, gehört geteert und gefedert!

Also, wie gesagt, ich war das nicht, ich weiß von nichts, und jetzt ist der mit mir eingeschnappt, nur weil der es seit fünf Jahren nicht geschafft hat, meine alte Handynummer zu löschen, und zwischendurch immer noch an diese schreibt.

Jetzt hat offensichtlich jemand anderes meine alte Nummer. Und der antwortet dann natürlich nur sehr vorsichtig, weil er oder sie gar nicht weiß, was das alles bedeuten soll. Ich weiß es ja selbst nicht.

Ich weiß nur, dass diese Senilität offenbar ansteckend ist. Aber die Rückreise von Katja war auch anstrengend. Nächste Ringbahn in siebzehn Minuten. Och nö, da fahren wir schön über die Friedrichstraße und steigen an der Warschauer in die Straßenbahn. Das dauert zwar etwas länger, aber wir sind am Ende direkt an der Haustür.

Beim ersten Umsteigen wären wir fast nach Spandau gefahren. Wo wir nicht hinwollten, weil wir ganz woanders wohnen. Am anderen Ende der Stadt nämlich. Ich wechselte noch mit einem Hechtsprung in Richtung Osten, das Kind hingegen hechtete in die Gegenrichtung.

Die Bahn fuhr los.

Ich stand drin.

Das Kind stand draußen.

Er hatte mir noch gesagt, dass er seinen Müll wegbringen muss, denn Katja hatte aus Prag für jeden von uns einen Cannabislolly mitgebracht. Von ihrem letzten Geld. Und bevor das abgelutschte Stäbchen am Kinde endgültig festklebt, wollte er das entsorgen.

Er hatte es mir wohl mitgeteilt, aber das ist an meinen Ohren irgendwie vorbeigegangen. Ich zweifle schon wieder an mir selbst. Vielleicht habe ich doch kryptisch-kurze Nachrichten an den älteren Herren aus dem Mittelteil geschrieben und weiß es nur nicht mehr.

Aber ernsthaft: Ich kann mir eher vorstellen, dass der mich verwechselte. Na toll, und sowas nennt sich nun bester Freund. Zumindest einer von den zwei besten. Vanja ist ja auch noch. Und bei dem älteren Herrn schreibe ich auch nie LG, sondern etwas anderes. Ich habe für jeden meiner Freunde eine extra Grußformel.

Nun gut, ich werde das recherchieren. Nicht, dass irgendein Idiot mein Emailfach gehackt hat. Ich hätte dazu auch eine Idee. Nämlich die andere Geronte, die ich mir andauernd vom Leib zu schlagen versuche. Der kann sich zumindest theoretisch Zugang verschaffen. Und wer weiß? Nach meinem Gespräch mit Vivi gestern traue ich der Menschheit alles zu.

Das scheint allerdings auch nicht passiert zu sein. Habe ich gerade festgestellt, nachdem ich fünf Seiten Emails durchgeguckt habe. Und zwar Postein- und -ausgang. Womit man sich so beschäftigen kann… Dabei wollte ich eigentlich die Tourdaten von Bryan Adams prüfen.

Ich habe nämlich geträumt, dass mich ein gewisser anderer, vom Alter her definitiv zu meiner Zielgruppe gehörender, Herr dazu aufforderte, mir eine Konzertkarte für Januar 2018 zu besorgen. Dann gehen wir beide da hin. So seine Worte.

Der plant aber langfristig! Das finde ich ja gut. Auch wenn das jetzt erstmal nur geträumt war. Macht nüscht. Und wir eilen ja mit Weile. Da plant man doch immer etwas langfristig.

Deshalb weiß ich ja auch nicht, was die ganzen anhänglichen Geronten immer noch von mir wollen.

Hoffentlich schaffe ich das mental

Jetzt überlege ich aber ernsthaft, was ich heute eigentlich gemacht habe.

Was an meinem Haushalt war es definitiv nicht. Ausschlafen, ja, aber das ist nicht so richtig spannend. Einkaufen auch nicht. Das war einfach nur schwer.

Vor allem, weil ich zwischendurch kurzzeitig daran dachte, die Fotos vom Fotolabor abzuholen, was ich während des Händewaschens im Vorraum der Shoppingcentertoilette schon wieder vergessen hatte, so dass ich mit meinem doch recht gewichtsintensiven Einkauf nochmal zum Drogeriemarkt laufen musste. Die Fotos sind aber größtenteils sehr schön. Alles florale Motive, falls jemand fragt.

Natürlich war ich bei Kaufhof, weil heute wieder Poison dran war.

Vor dem Spätverkauf saß gerade Susanne, das ist die Freundin, die ich bei Vivi im Spätverkauf kennengelernt habe. Vivi war drinnen und kümmerte sich um irgendwas, was wir beide auch nicht so richtig zuordnen konnten.

Aus den angedachten fünf Minuten wurden diesmal ganze fünfzehn. Vivi hat sich tierisch über Trickbetrüger aufgeregt, die ihr Falschgeld unterschmuggeln oder beim Wechselgeld bescheißen, das hat uns auch sehr mitgenommen.

Nichtsdestotrotz musste ich wieder in mein Bett. Was auch immer ich da wollte. War ja ausgeschlafen. Aber wenn man einmal damit angefangen hat… kennt der Körper ja kein Halten mehr.

Susanne zeigte zum Abschied noch auf ihr Knie. Was macht der Kollege?

Nichts! Ist auch Wochenende. Aber Eile mit Weile.

Nun hatte ich mich aber, wie gesagt, mit Poison eingenebelt. Zwanghaft roch ich an meinem Handgelenk. Um halb acht guckte ich schließlich ins Internet. Die Parfümerie hatte bis neun offen. Wunderbar.

Kurzer Ausritt, ich hatte auch schon die ganze Woche vergessen, Haselnusskerne zu kaufen, kleiner Preisabgleich, Kaufhof hat schlussendlich den Zuschlag gekriegt. Und ich mein Geburtstagsgeschenk.

Nachdem ich siebzig Euro in neue Schals investiert habe, die natürlich auch alles Geburtstagsgeschenke sind. Jetzt ist aber Schluss!

Jetzt backe ich eine Knopperstorte für Katja. Die fast an ihrer Autokorrektur gescheitert wäre. Denn Katjas Handy macht aus Knoppers immer knabbere. Und ich hätte fast nicht gewusst, was sie damit meint. Aber eigentlich hatten wir das schon im Februar so abgesprochen. Nur die Tortengröße und der Alkoholgehalt waren noch offen.

Ich habe gefragt.

Keine Antwort.

Und da habe ich einfach losgebacken. Ist ja auch egal. Bonnie kommt, mein Kind kommt, Katja ist schon da. Die werden den Kuchen schon schaffen.

Mitten im Backprozess erschien auch mein Kind.

Riech mal an mir. Forderte ich ihn auf.

Du riechst nach Backaromen.

Als ob ich mit Aromen backen würde!

Na, Vanille.

Nee, Poison! Mein Geburtstagsgeschenk.

Du hast noch gar nicht Geburtstag.

Immer diese Spitzfindigkeiten von der eigenen Brut!

Deshalb kann ich mir doch trotzdem schon Geschenke kaufen!

Aber nicht vorher auspacken!

Hab ich ja gar nicht, hab nur probiert.

Hab ich wohl, aber ich habe die Verpackung aufgehoben, die wickle ich mir zum Geburtstag einfach wieder ein. In Herzchengeschenkpapier. So viel Selbstliebe gönne ich mir mal.

Wenn ich auch manchmal an mir zweifle. Im Moment am ehesten, weil ich immer noch ständig an meinem Handgelenk rieche. Dabei ist das nun wirklich nicht mehr notwendig. Das wird höchstens in der kurzen Phase zwischen Ein- und Auspacken erforderlich sein.

Hoffentlich schaffe ich das mental!

Langsam ernährt sich das Murmeltier

Der Himmel zeigte erste Anzeichen einer leichten Inkontinenz. Als ich heute früh aus der U-Bahn stieg. Und als ich dann nach fünf Minuten kurz vor der Bürotür war, da war ich nass.

Habe es nur nicht gleich bemerkt, weil der Bernd Nummer drei ankam. Er spielte ein wenig Klavier, wie er sagte, und nahm mich für die letzten Meter mit unter seinen Schirm. Das war ganz gut, denn inzwischen war das leichte Tröpfeln in einen Starkregen übergegangen, und wer weiß, wie nass ich auf der verbliebenen Wegstrecke, die immerhin zehn Meter betrug, noch geworden wäre.

Und so tröpfelte also dieser Tag vor sich hin. Ich weiß gar nicht, wo der nun wieder hergekommen ist, aber plötzlich und unerwartet wurde es ein kleiner Freitag.

Luuk, die alte Chauvinistensau, teilte Kayra und mir mit, dass wir Männer beschlossen haben… dass in der großen Vorstellungsrunde nächsten Dienstag Kayra den Vortritt bekommt. Er sagt dann danach noch eine Kleinigkeit zu seiner Person.

Mit welcher Berechtigung habt Ihr das jetzt beschlossen? Fragte ich. Und außerdem heißt es ja wohl Alter vor Schönheit. Der Chef, der an diesem Entschluss angeblich mitgewirkt hatte, stand daneben und grinste sich einen. Ich weiß aber nicht mehr, wie wir das Thema jetzt beendet haben, und es ist mir herzlich egal.

Anne regte sich mal wieder auf. Weil Claudia krank ist. Die ist immer nach dem Urlaub sofort krank. Entweder hat sie sich bei ihrer Tochter angesteckt oder sich überanstrengt. Und das in dem Alter! Na ja, eigentlich halte ich von derlei pauschalisierten Aussagen darüber, wie man sich in welchem Alter zu verhalten hat, nicht viel, aber eigentlich hat sie damit in diesem ganz speziellen auch irgendwie Recht, wenn es mir auch weniger ums Alter an sich geht. Denn wenn ich weiß, dass mein Körper keine Schluchtenwanderungen durch die pralle Sonne mitmacht, dann verstehe ich unter Urlaub doch echt was anderes.

Wir haben dann unsere statistischen Beobachtungen abgeglichen. Viele Urlaube von Claudia enden in einer Krankschreibung. Nicht alle, aber es kommt häufig vor.

Kurz nach halb vier rief Anne dann endlich warnend über den Flur für alle Wir gehen gleich!

Besser war das. Ich hatte nur noch Sachen zu tun, die ich nicht machen möchte, und da kommt so ein Aufbruchssignal doch wie gerufen. Hat nur zwanzig Minuten gedauert.

Unser Jens hat auch sein Handy nicht mehr auf dem Schreibtisch. Nein, es liegt jetzt unter dem Tisch auf seinem Rechner. Da sieht es keiner, und er hat es immer griffbereit, falls er weiterspielen will. Oder muss. Man weiß es ja nicht.

Mit großem Geschnatter wie immer fuhren wir heimwärts. Anne nach Hause, ich zum Sport mit Anuschka. Auf dem Weg fiel mir aber ein, dass ich ihr neues Auto ja gar nicht kenne. Da musste ich erst den ganzen Parkplatz absuchen, ob ich irgendwo die Automarke entdecke.

Leider hat das neue Fahrzeug eine völlig alltägliche Farbe. Es hat nämlich nicht, wie das alte, die schöne Farbe blutigen Durchfalls, sondern ist schlichtweg blau. Und dafür fällt mir leider kein schönes Bild ein. Die Elchaufkleber fehlen auch irgendwie. Stattdessen gibt es aber einen mit Schwerter zu Pflugscharen.

Was denkst Du, wenn Du das siehst? Fragte sie mich.

Es ist Freitagnachmittag, ich denke überhaupt nicht mehr. Ansonsten DDR und Friedensbewegung. Obwohl es ja aus einem Buch kommt, das noch viel älter ist als der Osten.

Ja, aus welchem denn? Ich sah sie nur designiert an.

Ach ja, die Bibel! Sprach die angehende Theologiestudentin.

Meine Stirn tut immer noch ein wenig weh von dem Schlag, den ich mir mit der flachen Hand selbst verpasste. Wir waren heute aber echt faul. Irgendwie war alles so schwer, vor allem die Gewichte.

Und Zeit hatten wir auch keine. Weil wir noch einkaufen mussten. Anuschka wollte noch zu einem Symposium, ich nach Hause, weil Nele heute früh angekündigt hatte, dass sie mich heute Abend mit verborgener Rufnummer anrufen würde. Das muss sie tun, weil ich sonst nicht bei Unbekannt ans Telefon gehe. Könnte ja Verwandtschaft sein. Oder andere soziale Elemente, die sich bei Verwandtschaft aufhalten.

Aber so wusste ich natürlich Bescheid. Und lag ganz wissend auf meinem Bett, um den Anruf zu erwarten. Nach einem vergeblichen Anrufversuch meinerseits war es dann so weit: Wir kauten anderthalb Stunden lag durch, was ich in meinem letzten Echtzeitgespräch mit einem einzelnen Herrn besprochen habe.

Und wie schön das war.

Na ja, langsam ernährt sich das Murmeltier. Kommentierte sie meine Bemühungen in dieser, sich ein wenig hinziehenden, Angelegenheit.

Heißt das nicht was mit Eichhörnchen? Und ernährt sich das nicht mühsam?

Ach, ich habe es nicht so mit Sprichwörtern.

Ach so. Was ihre Schulklasse so macht und welche Partyform wir bevorzugen, haben wir auch kurz angerissen.

Das klingt jetzt so, als hätte ich Nele auch mal was sagen lassen, aber das täuscht.

Zumindest habe ich mal wieder das Gefühl.

Ok, wer mich anruft, weiß, dass er oder sie damit rechnen muss.

Was leider auch keine Entschuldigung dafür ist, dass ich schlichtweg viel zu viel rede.

Aber heute nicht mehr.

Bin jetzt alle.

Ich sag nur Supervision

Für alle, die nicht wissen, was das bedeutet: Das ist so eine Art Gruppentherapie, zu der die meisten Teammitglieder widerwillig gehen, wo sie dann wertvolle Arbeitszeit in Halbwahrheiten über einander investieren. Weil im Grunde kein Mensch richtig offen sagt, was ihn ankotzt, wenn das ganze Team zuhört.

Zumindest ist das in unserem Bereich so. Vielleicht können das die Pädagogen besser. Aber auch da habe ich schon andere Meinungen gehört. Beziehungsweise eine. Von einem, dessen Wort für mich ein gewisses Gewicht hat.

Aber nun ja, der heutige Tag hat mehr als deutlich gezeigt, dass das durchaus notwendig ist. Mal wieder. Der Fastzusammenbruch von Gesine – weil der Jens sie im Urlaub nicht wie angeordnet vertreten, sondern ihr einfach sämtliche Arbeit aus der letzten Woche aufgehoben hat – war der letzte Tropfen auf dem Stein der nicht ganz so Weisen.

Ist ja nicht so, dass sie in dieser neuen Woche nicht wieder genauso viel Krempel auf den Tisch gekriegt hat. Das summiert sich doch!

Na, wir werden sehen.

Zwischendurch kam noch Post von unserer dauerkranken Chefin. Sie kommt demnächst zurück. Leider habe ich vergessen, meinem Gesicht zu sagen, dass das eigentlich ein Grund zur Freude ist. Aber wenigstens konnte ich es noch schnell erklären, als Anne mich gefragt hat, warum ich da so traurig gucke.

Ähm… ich bin nur gerade so geplättet. Damit rechnet doch keiner. Zumindest nicht so früh. Wir werden sehen. Claudia hält das auch für zu früh.

Aber auf Claudia baue ich auch nicht mehr so, ist sie doch der Meinung, der Jens wäre der Mitarbeiter des Jahrhunderts. Aber die deckt ja auch die Idiotien von Ruslana. Ich weiß gar nicht mehr, wieso ich der Frau überhaupt über den Weg traue.

Ganz abgesehen davon, dass ich sowieso kaum jemanden noch so wirklich ernstnehme.

Ich mache das ja nicht mal mit mir selbst.

Zuweilen zumindest.

Was eventuell auch besser sein könnte.

Alles in allem also ein nahezu perfekter Zeitpunkt für den Beginn einer neuen Gruppentherapie.

Aber morgen ist ja Freitag, da juckt mich das dann erstmal auch nicht mehr.

Da befasse ich mich weiter mit meiner neuesten Parfümauswahl. Heute waren ja zwei Sorten Opium dran, und ich habe mich extra als Hippie verkleidet. Mit der großen Sonnenbrille dazu – Puck, die Stubenfliege lässt herzlich grüßen – hat man mich in der Duftabteilung gar nicht mehr erkannt. Da konnte ich wieder richtig zuschlagen. Aber mich nicht entscheiden.

Krank im Kopf aber unisex

Da sagt doch mein Kollege, der andere Jens, heute zu mir, dass Männer, die Tagebuch schreiben, alle schwul sind.

Tz!

Ich hätte ihn ja gern eines Besseren belehrt, aber da meine Kollegen nichts von meinem geheimen Hobby wissen, konnte ich das natürlich nicht tun. Die Kolleginnen haben auch keine Ahnung, und auch das ist auch gut so.

Bis halb zwölf erledigten Gesine und ich diverse Kinkerlitzchen. Sowas wie neue Milch bestellen und so. Das war vielleicht ein hartes Stück Arbeit! Zwei Minuten hat das gedauert. Aber nur, weil wir erst die Milch nicht gefunden haben. Und weil wir keine Idee hatten, was wir sonst noch brauchen. Muss sich ja auch lohnen, wenn man schon die Liefergebühr bezahlt.

Dann rief der Hannes an, mit dem war ich verabredet, um ihm mal wieder den Umgang mit einer Exceltabelle zu erklären. Diverse Nägel kamen bei dieser Gelegenheit in die Wand, wir haben gemütlich Kaffee getrunken, ich habe ihm wieder was gezeigt, aber er sagte, ich wäre zu schnell. Ja, an irgendeiner Stelle muss ja mal verdeutlicht werden, dass wir eigentlich alle gar keine Zeit haben.

Ich habe es trotzdem für ihn gemacht. Ging ja auch ganz schnell. Beziehungsweise hatten wir unseren Spaß, und da kam mir das vor wie ein Wimpernschlag der Zeit.

Als ich nach anderthalb Stunden mit dem Mann endgültig fertig war, erstaunte sich doch meine Gesine glatt, dass ich so nett zu dem bin. Ich frage mich, wie sie auf diese Verwunderung kommt. Ich bin immer nett zu Menschen.

Zu den meisten netter, als sie es verdient haben. Was nicht für Handwerker Hannes gilt. Den mag ich eben. Außerdem hat der mich schon privat zum Grillen auf seinen Balkon eingeladen. Ok, ich bin seinerzeit nicht hingegangen, aber die Einladung allein zählt ja erstmal.

Und zu Handwerkern muss man sowieso immer freundlich sein. Es sei denn, man kannte sie bereits intim, und weiß schon, dass man sich das sparen kann.

Dazwischen funkte der Chef mit unserer Statistik herum. Immer wieder mal. Er bekam eine Wartenummer.

Ich musste ja noch den Jens anrufen. Unser erstes Tagesgespräch war wieder ein neuer Rekord: fünfundvierzig Sekunden. So kurz haben wir noch nie geschafft. Aber da haben wir auch nur besprochen, dass wir später telefonieren.

Was stattfand. Und es ging nach dem Dienstteil um heimliche Hobbys, feminine Hobbys und maskuline. Er dachte, ich sammle heimlich Teddybären. Habe ihm mein schwieriges Verhältnis zu Teddys erklärt. Welches persönlich-historisch begründet ist.

Erstens durch Brigitte. Brigitte war mal eine Bekannte, die stets mit einem Koffer voller Bären reiste. Sie quartierte sich bei jemandem, der mir nahesteht, zwei Wochen lang ein. Meine arme Freundin durfte dann das Bier kaufen und jeden Tag schön kochen. Zum Dank erhielt sie ein Plüschtier der beschriebenen Sorte und durfte sich mit dem Dialekt herumschlagen.

Zweitens habe ich mal bei einer Hotline gearbeitet. Und weil da immer nur sechs Leute gleichzeitig in die Pause durften, mussten Teddybären her, welche dann während der Pausenzeit den Arbeitsplatz bewachten. Waren die Teddys alle, konnte man keine Pause machen. Höchstens mal aufs Klo. Es war ein Hauen und Stechen um die Viecher, und irgendwann hat man mir meine Klozeiten vorgerechnet und -gehalten.

Deshalb habe ich ein gestörtes Verhältnis. Und das habe ich nun dem Jens erklärt. Und dass ich stattdessen Quietscheenten sammle.

Das ist auch irgendwie krank im Kopf, aber unisex. Kommentierte er. Und er weiß immer noch nicht, wie und wo ich mein Tagebuch schreibe. Und dass es hier reichlich Männer gibt, die ich nicht unbedingt alle für latent schwul halte.

Sonst war alles sehr angenehm, aber es ist auch tierisch angenehm, dass der Tag zu Ende gegangen ist.

Er wurde dann noch richtig schön. Eigentlich hätte mir zu meinem Glück mit Hannes und Jens nur noch ein einzelner Herr gefehlt. Ich habe sogar schon überlegt, ob ich einfach so anrufe, um ihm zu sagen Du fehlst mir heute noch.

Aber entweder hätte er das falsch verstanden oder er hätte es völlig falsch verstanden.

Also bin ich einfach nach Hause gegangen. Mein Chef bedankte sich dafür, dass ich meine Arbeit erledigt habe. Was ich als selbstverständlich ansehe. Aber lassen wir das.

Da war ich mit meinem Kopf auch schon viel weiter. Nämlich im Feierabend. Die Sektvorräte müssen weiter befüllt werden. So der Plan. Aber ich hatte meinen Flaschenbeutel vergessen. Also erst nach Hause.

Vorm Spätverkauf saß Vivi mit ihrer Freundin. Da dachte ich Ach, ein paar Minuten kannste da auf jeden Fall noch hin.

Es wurde eine Stunde.

Wir sind jetzt alle auf Facebook befreundet.

Die Freundin von Vivi ist aber auch erstaunlich. Ich kenne die Frau drei Wochen. Und erzähle ihr förmlich alles. Von den verkrachten Existenzen, die scheinbar immer noch nicht kapiert haben, dass sie meiner Vergangenheit angehören, von erotischen Erlebnissen, von einer gewissen Existenz, die noch nicht so richtig verinnerlicht hat, dass sie zu meiner Zukunft dazugehört.

Gerne auch zur baldigen Gegenwart, aber ich habe der neuen Freundin erstmal erzählt, dass der gesagt hat, ich soll unter seinen Schreibtisch kriechen, wenn er mein Kind ganz pädagogisch erschreckt. Und wenn ich dann die Schnauze voll habe, soll ich ihm ins Knie beißen. Er heißt bei uns jetzt der Kollege mit dem Knie.

Nach einer Schilderung seines Charakters resümierte sie, dass wir sehr gut zueinander passen. Wie gesagt: Wir kennen uns drei Wochen. Möglicherweise könnten es auch vier sein. Fühlt sich aber länger an. Ist halt manchmal so.

Abschließend bin ich dann wirklich nochmal los, um weiteren Sekt zu kaufen. Und mal wieder Poison zu probieren.

Das fällt langsam auf. Dass ich täglich durch die Parfümabteilung von Kaufhof renne, mir schnell Poison und/ oder Opium aufs Handgelenk spritze und verschwinde.

Morgen versuche ich dann wieder Opium. Ich muss das jetzt einzeln machen, sonst kommt meine Nase durcheinander, und ich kann mich weiterhin nicht entscheiden. Opium finde ich olfaktorisch interessanter. Poison – da macht den Großteil meiner Kaufmotivation allein der Name.

Wenigstens habe ich jetzt theoretisch ausreichend Sekt am Lager. Dank Flaschenbeutel und Straßenbahn bis vor die Haustür auch nicht so eine Wahnsinnsschlepperei.

Obwohl Straßenbahnfahren auch manchmal mit Vorsicht zu genießen ist. Ich saß da so, auf meinen Ohren lag gerade der schöne Titel Leck mich am Arsch Du gute Fee, da plumpste jemand neben mich auf den Sitz.

Ich guckte die an.

Die guckte mich an.

Wir zeigten gegenseitig mit dem Finger auf uns. Und lachten los. Meine neue Kollegin. Die kenne ich auch schon sechs Wochen, und das fühlt sich fast genauso an wie mit der Freundin von Vivi. Fast.

Wobei ich eigentlich keine Kolleginnen treffen will, wenn ich gerade mit Säcken voller Flaschen unterwegs bin. Ich habe schließlich einen Ruf zu verlieren!

Aber wahrscheinlich verliere ich den auch irgendwann, obwohl ich nicht immer nur mit vollen Flaschen unterwegs bin (nein, auch mit leeren).

Ich muss ja im Grunde nur im Moment eines unausgereiften Gedankenganges den Mund aufmachen.

Lass Dein Handy in der Tasche

Was für ein schöner Tag.

Er fing mit einem Teammeeting an. Dreizehn Punkte, alles pillepalle. Zum Beispiel, dass wir an unseren Arbeitsplätzen die Handys in der Tasche lassen sollen. Anne setzte zu einer großen Rede an. Etliche Kollegen aus den externen Bereichen hätten sich beim Chef beschwert, dass die Verwaltung so viel Zeit zu haben scheint, um am Privattelefon zu hängen.

Das geht nicht. Das schädigt unser Image, das ohnehin schon recht schwer ist, weil immer alle denken, dass wir keine Gelder generieren (na, ich kann ja mal das Rechnungenschreiben für sechs Wochen einstellen, und die Personalverwaltung ihre Arbeit, dann werden sie schon sehen).

Deshalb: neue Dienstanweisung: Das Handy bleibt in der Tasche! Die Muttis dürfen es so einstellen, dass sie es dann auch hören.

Gesine hat sich vielleicht aufgeregt! Welche Kollegen wohl die Chupze besitzen, so etwas zu Gehör zu bringen. Ihre Aufregung steigerte sich noch in den Arbeitstag hinein. Und das, wo sich doch Gesine sowieso schon immer so aufregt.

Ich habe ihr dann im Vertrauen gesteckt, dass Anne sich die Beschwerde nur ausgedacht hat. Um Jens durch die Blume zu sagen, dass er nicht den ganzen Tag an seinem Handy spielen soll. Selbst Kathrin, welche ja nun seit zwei Monaten in Abwesenheit verweilt, ist gleich aufgefallen, dass sie ihn entweder am Handy sieht oder beim Teekochen. Wobei er sein Handy in der Hand hat.

Der spielt. Den ganzen Tag. Claudia weiß das auch. Aber sie macht nichts. Ist halt doch nur eine Halbleiterin, diese Kollegin.

Der Jens hat die neue Anweisung auch brav ins Meetingsprotokoll getippt.

Und dann munter weitergespielt.

Na toll! Da hat Anne extra drei Tage an dieser Rede gearbeitet und Vorfälle erfunden, und dann hält sich ausgerechnet die einzige Person, auf die das alles zielte, nicht daran. Mann, der soll arbeiten! Letzte Woche hat er so viel liegengelassen, dass Gesine schon jeglichen Erholungseffekt eingebüßt hat.

Die Gute war heute schon wieder so vergesslich – ich wusste besser, was sie gerade eben gemacht hat als sie selbst. Und ich gucke ihr jetzt auch nicht den ganzen Tag über die Schulter.

Hab ja auch andere Sachen zu tun. Meinen Haufen rechts auf dem Schreibtisch zu bearbeiten, zum Beispiel. Der Stapel ist auch heute wieder kleiner geworden. Vornehmlich, weil ich mich entschlossen habe, mit den Vorgängen, an die ich mich kaum zu erinnern vermag, kurzen Prozess zu machen. Wozu haben wir schließlich dieses Gerät, das so lustige Streifen aus Papieren schneidet?

Immer rein damit!

Jeder Zettel zählt!

Natürlich hebe ich Erinnerungswertes durchaus auf. Da habe ich so eine Art Haufenrotationsprinzip entwickelt. Welches daraus besteht, dass ich die Zettel, die ich gerade nicht weiter bearbeiten kann, einfach untendrunter schiebe.

Funktioniert!

Könnte man so sagen.

Wenigstens das.