Das Leben ist ja nicht unbedingt alternativlos

Nee.

So wurde bei mir heute aus Ich gehe nach der Fortbildung zum Sport und dann schreibe ich noch einen Text über die Berliner Gesindeltaxen, die auch heute mitten im Berufsverkehr mit deutlichen Verspätungen aufwarteten, dass ich zu Hause versackte und mich voll und ganz meiner Nähmaschine widmete.

Aber ich wette: Wenn ich morgen die letzte Variante ausprobiere, nämlich die Kombination aus Ringbahn und U vier, um von hier zum Nollendorfplatz zu gelangen, dann funktioniert wieder was nicht.

Allerdings habe ich für den Rest der Woche die Schnauze voll von Dingen, die nicht funktionieren. Meine Tagesplanung ist so ein Beispiel.

Natürlich war ich nicht beim Sport. Im Gegenteil: Mit Mühe und Not raffte ich mich zum Einkauf auf. War schon dunkel, als ich zurückkam.

Jetzt heißt es, Nähte an drei Nähstücken vernähen.

Ich habe gar keine Zeit. Ich muss mir überlegen, welchen Verschluss ich meiner Kosmetiktasche verpasse. Eigentlich hatte ich zwischenzeitlich so wenig Lust, daran noch irgendwas zu nähen, dass ich schon einen Klettverschluss einkleben wollte. Aber das erscheint mir irgendwie unter meiner Würde.

Ich muss nur noch die Angst vor der Verschlimmbesserung überwinden.

Aber das muss ich in meinem Leben ja an sehr vielen Stellen.

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Das ist jetzt nicht wahr

Ich hätte gleich heute früh skeptisch sein sollen.

Ach, eigentlich schon gestern Abend.

Man sollte überhaupt immer skeptisch sein.

Ja, ich hätte auf das Internet hören sollen. Anstatt es kopfintern als Idioten zu betiteln. Das Internet wollte mich heute nämlich über den Alexanderplatz schicken.

So ein Quatsch! Dachte ich. Über die Warschauer Straße ist es viel schneller.

War es nicht.

Leider war es bei meiner Ankunft dort auch schon zu spät, um noch irgendwas an meiner Wegstrecke zu korrigieren. Und so verbrachte ich erhebliche Teile des Morgens im Schienenersatzverkehr durch Kreuzberg. Eine gefühlte Ewigkeit kuschelte ich mich im Bus an stark riechende Nebenmänner und –frauen.

Ausgerechnet heute! Ich habe doch Fortbildung, und da kann ich ganz schlecht am ersten Tag durch glamouröses Zuspätkommen glänzen.

Um acht Uhr achtundfünfzig war ich am Zielbahnhof. Und noch keine richtige Ahnung, wo es genau lang geht. Na gut, ich habe meinen Weg erstaunlich ungehindert gefunden und traf Punkt neun Uhr drei am Austragungsort ein.

Eine nette Fortbildung. Die Leute gefallen mir meistenteils, und die Inhalte sind auch sehr interessant. Mehr darf ich dazu nicht sagen. Sonst verrate ich Geheimnisse. Eine Menge gelernt habe ich heute, und plötzlich um kurz nach drei waren wir auch schon fertig. Angesetzt war eigentlich sechzehn Uhr dreißig.

Na, wenn das mal kein Freizeitzugewinn ist!

Diese unerwartet gewonnene Freizeit verbrachte ich damit, die Milch im Kaufladen zu vergessen und mit Mittagsruhe. Ich sage extra Ruhe, weil ich trotz erheblicher Müdigkeit nicht geschlafen habe. Nur ein bisschen ausgeruht. Was mich stolz macht.

Während ich da so lag und mehr oder weniger interessiert in den Fernseher guckte, keimte ein Plan in mir. Es war nämlich so, dass das Kissen, das ich gestern genäht habe, eine leicht verkrumpelte Naht aufweist. Auf dem Heimweg dachte ich noch, ich trenne das alles einfach nochmal auf, und dann nähe ich es neu. Als ich nach Hause kam, wollte ich es dann schon wieder so lassen, wie es ist.

Aber da war ich auch noch unglücklich, weil ich die Milch vergessen hatte. Und die aus meinem Kühlschrank war plötzlich zur Neige gegangen. Ich wollte aber noch einen Kaffee trinken.

Immer diese Luxusprobleme!

Dennoch zog ich mir wieder alle Sachen an, die ich am Körper brauche, um in Wohlgefühl auf die Straße gehen zu können, und spendete fünfzig Cent an meine heimische Wirtschaft. So viel verdient der Spätverkauf an einer Tüte Milch.

Gutes Gefühl, und zu Hause schmeckt der Kaffee sowieso am besten.

Nach dessen Genuss war ich auch wieder zu vernünftigen Entscheidungen fähig. Ich habe die verkrüppelte Naht wieder aufgetrennt. Aber nur die. Und noch während des Fernsehprogramms wieder zusammengenäht. Fertig! Heidis Kissen ist auch fertig. Das hatte sie mir im Frühling zum Ändern mitgegeben.

Nur, dass am Ende, so dreißig Zentimeter vor Schluss, das weiße Garn alle war.

Gut, es war nur noch eine Hilfsnaht im inneren Bereich, die konnte ich dann auch mit beige fertignähen. Jetzt noch den Stoffrest verwerten, und das mache ich dann morgen.

Heute gehe ich ins Bett. Ich bin schließlich bald müde. Zumindest hoffe ich, dass ich beim Hinlegen so müde bin wie vorhin nach dem Mittagessen in der Schulung.

Die Dozentin hat auch mitgegessen. Und der Caterer hat alle Brötchen sehr explizit beschriftet. Was dazu führte, dass die Dozentin die veganen Auslagen gleich angewidert zur Seite schubste.

Am liebsten würde ich am Wochenende irgendwo in Prenzlauer Berg vor so einem Veganertempel vorfahren und meinen Aschenbecher auf die Straße davor auskippen. Proklamierte sie.

Und ich bekam Lust auf ein Schinkenbrot.

Ok, weil ich mein anderes weißes Garn nicht mehr finde, habe ich jetzt natürlich auch große Lust, noch weitere Sachen zu nähen, aber so ist das beim mir. Bei Menschen ja auch. Denn ich bin mir sicher, dass sich irgendwo in diesem Haushalt noch eine Rolle versteckt.

Ich habe ja sehr viele Sachen in dieser kleinen Wohnung versteckt.

Die ich natürlich nicht finde, wenn ich sie brauche.

Der Beschiss, den man gemeinhin Leben nennt halt.

Voll eingegroovt

Eigentlich war ich heute früh um neun hellwach. Und sogar ausgeschlafen!

Das kam so: Gestern bin ich auch schon um neun aufgestanden. Weil ich mit Renate zum Stoffmarkt wollte. Wohin auch sonst? Wir gehen ja meistens Stoff kaufen. Oder Geschmeide. Deshalb assoziiere ich ihr Gesicht auch mittlerweile immer mit dem Gedanken, Stoff kaufen zu müssen. Mittlerweile haben sich so dreizehn Stoffe angesammelt, die dringend vernäht werden müssen. Und ich habe alle im Beisein von Renate erworben. Sie bremst mich aber auch nie!

Na gut, gestern hat sie selbst ungefähr das Fünffache meiner Investitionen ausgegeben, und ich staune immer noch, wie diese kleine zarte Frau das alles tragen konnte.

Jetzt ist sie krank. Aber ich bin die nächsten drei Tage eh nicht da. Da kann sie in Ruhe gesund werden, während ich mich als Betriebsrätin fortbilde. Drei Tage ganz ohne meine liebenswerten Kollegen und Kolleginnen, da weiß ich doch jetzt schon nicht, was ich in mein Tagebuch reinschreiben soll.

Im Endresultat habe ich von diesem Wochenende nur Gutes zu berichten.

Fünf Stunden Stoffmarkt ohne Sitzgelegenheit, und mein Rücken hat nicht einmal Piep gemacht. Sehr gut! Auch die Errungenschaften gefallen mir immer noch. Am letzten Stoffstand habe ich mich ein wenig vergessen, aber das lag am Verkäufer. Der war irgendwie… charmant. Sagen wir es mal so.

Und ich habe Futterstoffe gekauft. Drei Sorten. Wo ich doch meistens nichts füttere, was ich so nähe. Aber jetzt fange ich damit an. Ich sage nur: bordeauxfarbener und lila Futterstoff aus schöner Viskose. Mit Paisleymuster! Und einer mit kleinen eingewebten Krönchen. Keine Ahnung, was ich damit mache, aber manchmal müssen Stoffe ein paar Jahre im Schrank liegen, bevor die Inspiration zuschlägt.

Allerdings wusste ich heute früh noch nicht, ob sie das überhaupt tun kann. Weil ich ja meine Nähmaschine immer noch nicht ausprobiert hatte.

Gestern ging das zum Beispiel nicht mehr, da legte ich mich um neunzehn Uhr zu einem kleinen Mittagsschlaf nieder, aus dem ich um halb elf mit dem Entschluss erwachte, gleich liegenzubleiben. Nach dem Zähneputzen. Hab ich auch gemacht und, wie gesagt, bis um neun sehr schön geschlafen.

Im Traum besuchte ich Claudia spontan aus einer Rauchpause heraus zu Hause. Andauernd wollten Leute ins Bad, aber ansonsten war das sehr angenehm.

So angenehm, dass ich gleich liegenblieb. Bis Mittag. Da steckte das Kind den Kopf in den Raum und fragte, ob er mir ein paar Brötchen mitbacken soll. Ein guter Grund zum Aufstehen. Wenn das Kind Frühstück macht. Aber der hatte auch was vor, ein Betriebsvergnügen stand an.

Den Rest des Tages vergammelte ich ganz alleine.

Bis um fünf Tina anrief. Die will ich besuchen. Aber sie weiß noch nicht, ob sie ihren Urlaub dazu auch kriegt. Dafür wusste ich da schon, was ich ihr mitbringe. Sie will ja umziehen, und da braucht sie natürlich dringend ein neues Couchkissen.

Nach diesem Telefonat geschah ein Wunder. Plötzlich war ich fit genug, eine Stunde Sport in meinen vier Wänden zu machen. Und danach setzte ich mich tatsächlich an die Nähmaschine.

Eine Wunderheilung!

Was soll ich sagen?

Sie näht!

Wie eine Eins. Hab gleich zwei Stücke fertiggestellt. Und die Nähmaschine gar nicht erst weggeräumt.

Die kann sogar gerade Nähte. Was die alte irgendwie nicht konnte.

Dafür passen meine alten Unterfadenspulen auch sehr gut in die neue. Gottseidank! Ich habe mich schon in vollkommener Verzweiflung vor dem Kurzwarenregal stehen und weitere Spulen suchen gesehen, weil ich unmöglich mit drei Spulen durchs Leben komme.

Wir sind jetzt also eins, meine Nähmaschine und ich. Das muss ich meinem Umfeld mitteilen, nicht, dass nachher einer den Kindersuchdienst anruft, weil ich mich nicht mehr melde.

Ich nähe.

Mal sehen, wie lange die Motivation anhält, aber es sind ja nur noch elf Stoffe.

Hauptsache der Workflow funktioniert!

Was hatte ich doch wieder für verstörende Träume in der Nacht. (Na, wenigstens nur in der Nacht) Und echt hat sich das angefühlt, als es hocherotisch wurde. Viermal hintereinander. Von hinten.

Das Verwirrende daran war, dass das teilnehmende Gesicht nicht zum Ausmaß des teilnehmenden Teils untenrum passte. Aber das ist jetzt nur so eine Art gefühltes Wissen. Am Ende stand Renate, die in der hocherotischen Sequenz nicht anwesend war, an ihrem Spind und sagte zu mir Ich bin Uni Stand.

Bin ich gleich mal lieber aufgewacht.

Wir haben den ganzen Tag gerätselt, was sie damit auszudrücken gedachte.

Und ich für mich habe parallel ebenfalls sehr viele Gedankengänge darauf verwendet, den Part mit dem Sex zu analysieren. Was will mir mein Unterbewusstsein damit sagen? Dass es, egal, was am Ende dabei herauskommt, kein Kindergeld geben wird? Und zwar für jeden Einzelnen unserer Vierlinge nicht? Alte Schulhofweisheit, man kennt sie ja. Und was bedeutet dieser ganze Scheiß überhaupt?

Aber gut, das frage ich mich ja nun wirklich jeden Tag.

Kommen wir lieber zum Workflow. In dieser Angelegenheit gab es leider eine kleine personelle Überschneidung mit der erstgenannten Verwicklung.

Der Vollidiot meines Vertrauens wollte es nämlich wieder besonders richtig machen und schrieb eine Anfrage an die ganze Verwaltung.

Diese gehörte leider zu meinen Fachgebieten. Wieselflink, und zwar noch bevor ich diese Email überhaupt gesehen hatte, hatte jedoch Anne sie sich schon gekrallt und an unsere Oberleitung, den Chef und mich geschickt. Meine Oberleitung leitete den ganzen Schmonzes dann nochmals an mich weiter. Mit der Bitte, dem kleinen Knallkopf zu antworten.

Ein Workflow! Zumal unser Chef da gar keine Aktien dran hat. Den Workflow hätten wir uns sparen können, wenn meine Projektleitung darüber im Bilde wäre, wer bei uns was macht. Leider hat sie nach sechs Monaten noch immer keinen Durchblick. Unsere Doppelleitung hat es im besagten halben Jahr lediglich geschafft, das ganze Team zu demoralisieren.

Trotzdem hätte ich mich dieser Sache auch von allein angenommen. Und eine idiotensichere Antwort verfasst, damit der Herr Kollege auch versteht, was er jetzt machen soll. Leider kann ich aufgrund ausbleibender Rückmeldung seinerseits jetzt nicht beurteilen, ob das funktioniert hat oder nicht.

Aber leider, leider, leider bin ich jetzt auch im Wochenende und muss mich nicht mehr über den Mann aufregen. Lohnt sich eh nicht, es wird einem ja doch nicht gedankt. Dafür hat er keine Zeit. Aber Sascha darüber aufklären, dass es sinnlos ist, die Emailsignatur mit dem Datenschutzhinweis ans Ende der Mail zu setzen – für so einen Quatsch hat der dann Zeit.

Oh, der soll mir mal im Mondschein begegnen! Oder vom Yoga vor meiner Haustür unter meinen Augen nach Hause fahren wollen. Da muss auch nicht mal der Mond scheinen, so angepisst bin ich da irgendwie gerade. Verletzte Eitelkeit, diagnostiziere ich mir da mal.

Und überhaupt: Wo soll die Emailsignatur denn sonst hin? Ganz nach oben, oder was? Also, manchmal denke ich echt… ich will das hier nicht weiter beleuchten, sonst fallen wieder Schimpfworte, von denen ich meistenteils eher behaupte, sie gar nicht zu kennen.

Ich rege mich lieber wieder ab.

Ich weiß ja schon fast nicht mehr, warum ich mich überhaupt so aufgeregt habe.

Schließlich ist Ruslana wieder da. Sie hat gleich alle Krankheiten, die zur Erkältungssaison erhältlich sind, auf einmal abgearbeitet und wies nun nach ihrer Wiederkehr Renate an, nicht unkontrolliert auf der Treppe vor ihr stehenzubleiben. Wenn ich das tun würde, wäre es übrigens kein Problem für sie. Mit mir kuschelt sie wohl lieber.

Wir brauchen eine Supervision.

Oder auch einfach nur andere schöne Erlebnisse auf der Treppe. Sascha ist zum Beispiel immer ein guter Quell der Inspiration dafür. Vor allem wenn er mit dem Kopf gegen die verschlossene Cheftür rennt, von der er annahm, dass sie offen ist.

Der Chef stand draußen auf dem Hof.

Wir lachten.

Er fragte, ob wir das über ihn tun.

Nee, über Sascha. Der ist gerade mit dem Kopf gegen Deine Tür gerannt. Aber er lebt noch. Informierte ich schnappatmend.

Und die Tür?

Die ist aus den Angeln gesprungen und liegt nun im Wachkoma auf Deinem Flur darnieder.

Wenn ich jetzt berücksichtige, dass unser Chef bezüglich des Wohlbefindens seiner Tür wesentlich leidenschaftlicher reagiert hat, dann würde ich vorschlagen, dass wir ihn mal eben in unsere Gruppe aufnehmen.

Also, die Gruppe, die einen neuen Psychiater braucht.

Aber vielleicht reicht auch erstmal ein kleines Wochenende.

Offen gefühlt gefühlsoffen

Ach, was hatte ich doch heute wieder für nette Gespräche!

Erst dieses vermaledeite Teammeeting am Morgen, in dessen Rahmen wir uns über das Thema Supervision unterhalten wollen mussten.

War weniger schlimm als erwartet. Das Team an sich hat sich gegen die Supervision ausgesprochen. Brauchen wir nicht.

Und schaffen wir auch nicht. Nachdem uns wider anderer Absprachen de facto die Stunden gekürzt und zusätzlich noch Aufgaben aus anderen Bereichen reingewürgt wurden, hat ja keiner mehr Zeit für eine Gruppentherapie, die sowieso nichts bringt. Zumal, wie gesagt, das Team in sich funktioniert. Der Konflikt findet woanders statt.

Und weil man bei uns ja nie wissen kann, welche Repressalien man am Ende eines Tages so zu befürchten hat, wenn man eine Wahrheit benannt hat, sage ich zum Beispiel in der großen Runde eh nicht, was ich denke.

Anne wertete das noch aus. Erstens ist es keine Gruppentherapie, korrigierte sie mich, zweitens erlebt sie mich als sehr offenen Menschen, und wenn ich dann schon manche Sachen nicht sagen kann…

Na ja… kann. Stimmt eigentlich nicht. Ich will schlichtweg nicht. Weil mir das so egal ist. Ich gehe ja nicht ins Büro, um Freunde zu treffen.

Gut, in der Vergangenheit ist so mancher an mir hängengeblieben, neuestes Exempel ist Renate, auch wenn ich mich heute sehr über sie geärgert habe, aber im Grunde kann ich sagen, dass ich schon Freunde habe und nicht ums Verrecken neue generieren muss.

Ja, jetzt im Nachhinein ärgere ich mich ein wenig über sie. Weil ich ihr von der Wette von vorgestern erzählt habe. Und dass ich mich auf das Einlösen des Wetteinsatzes freue. Woraufhin sie konstatierte, ich hätte wohl Gefühle für den Wettfreund entwickelt.

Wieso entwickelt? Ich bin seit ungefähr hundert Jahren mit dem Menschen befreundet, natürlich habe ich Gefühle. Ich habe Gefühle für alle meine Freunde.

Und außerdem: Wieso klingt das so vorwurfsvoll?

Sie ist ganz frisch an meiner Seite, sie hat nur sehr wenig Ahnung von mir.

Am besten lege ich mich mit der Suche nach dieser Erkenntnis ins Bett und mache es da.

Also, suchen.

Nach der Wahrheit.

Ganz ohne Gruppentherapie.

Kommt ja auch genug im Fernsehen.

Es war ja schon förmlich langweilig heute

Alle tiefenentspannt.

Dabei hat nur eine Person gefehlt. Diese, namentlich unsere oberste Leitung, nahm heute an einem Seminar zum Thema destruktive Mitarbeiter teil. Kollektiv wünschten wir, dass sie auch etwas über sich lernt, weil wir ja nicht destruktiv sind, und dann widmeten wir uns unseren jeweiligen Tätigkeiten.

Aus meinem Privatumfeld wurde eine einzelne Stimme laut, dass ich wohl mit dem Attribut destruktiv gemeint war, aber das kann ich sofort ad absurdum führen, denn niemand kann mir beim Denken zuhören.

Und das ist auch gut so. Ich sage ja meistens nichts. Erstens, weil mir mittlerweile schon alles egal ist, zweitens, weil ich keinen Bock habe, unsinnige Diskussionen zu führen. Deshalb kann das gar nicht sein. So.

Ich werde mich mit dieser Stimme aus dem Umfeld lieber darauf konzentrieren, lustige Privatwetten einzugehen. Gestern habe ich zum Beispiel kackdreist und wider besseren Wissens behauptet, dass ich schneller bei der Rechnungslegung bin.

Ich habe haushoch verloren.

Eine Kiste Sekt mal wieder.

Aber der Spaß war es wert.

Bei unseren privaten Wettregeln kann ich auch gar nicht verlieren, weil mein Gewinner im Gegenzug ja auch etwas beiträgt. Und weil ich unterm Strich natürlich helfen muss, den ganzen Sekt dann auch auszutrinken.

Da kann ich ja direkt meine Lieblingssorte kaufen.

Irgendwie freue ich mich gerade.

Nicht so sehr auf morgen, denn da werden wir zu spüren bekommen, was die Leitung heute über den Umgang mit uns gelernt hat, aber wir wollen jetzt eh gemeinsam Lotto spielen.

Es ist wirklich alles egal, und man kann das nur noch durchwinken.

Schon wieder!

Gleich nach dem Aufstehen wollte ich heute eigentlich nichts weiter als wieder ins Bett.

Das blieb mir auch den ganzen Tag erhalten.

Ja, ok, die morgendliche Betriebsratssitzung war wirklich sehr schön. Auch die Arbeit. Total schön. Ich konnte mich kaum lösen.

Mein Telefon und ich sind nach der Beziehungspause am Wochenende, die ich uns versehentlich verpasst hatte, auch wieder glücklich vereint. Ein einzelner Herr aus meinem Umfeld war sehr besorgt über meine Erreichbarkeit.

Dabei hat das Aufstehen heute auch ohne den Mann funktioniert. Wenn auch weniger schön, muss ich sagen. Das Kind brüllte Aufstehen! durch den Raum, und nur eine zehnminütige Schrecksekunde später habe ich das auch geschafft.

Kurze Zeit danach schaltete ich auf Autopilot. Und dann war der Tag auch schon Geschichte. Besser ist das für ihn, denn ich wollte auch um kurz nach vier am Nachmittag nichts wie ins Bett.

Es wurde nicht direkt was.

Während Renate und ich ganz besonnen durch den Friedrichshain gondelten, sprach sie plötzlich Wo ist denn hier dieser Steinladen? Ich will unbedingt mal in diesen Steinladen.

Der ist in dem Straßenabschnitt vor uns, antwortete ich, und ich wollte da auch schon immer mal hin.

Ja, seit ungefähr fünfzehn Jahren.

Manche Dinge müssen eben in Ruhe reifen.

Am besten suchst Du jetzt schon mal einen Parkplatz, riet ich ihr.

Und wie das Schicksal es wollte, gab es einen.

Direkt vor der Tür vom Steinladen.

Böse Falle!

Aber an der Tür las ich dankenswerterweise, dass man hier nicht mit Karte zahlen kann.

Bis zu fünfzig Euro kann ich Dir borgen, frohlockte Renate.

Ich muss mir unbedingt noch in den Kalender schreiben, dass ich ihr die morgen auch gleich zurückgebe.

Eigentlich wollte ich ja wieder mal nur gucken. Aber die letzte Auslage dann… Ringe mit Mondstein, sage ich nur! Immerhin saß die Fassung des ganz großen Kloppers sehr blöd an meinem Finger, aber der zweitgrößte war perfekt.

Leider schade für mein Portemonnaie. Aber was soll´s? Ich gehe schließlich jeden Tag arbeiten… Das sage ich zwar immer, aber es stimmt ja auch immer.

Ich stelle also mal wieder fest: Es ist der Zehnte des Monats, und ich höre jetzt auf, Geld auszugeben.

Außer am Wochenende natürlich, da geht es mit Renate zum Stoffmarkt. Ich hatte schon gesagt, dass ich keinen Stoff mehr kaufe, bevor nicht die drei vorhandenen Sorten vernäht sind. Mittlerweile habe ich sieben Sorten da, und die Nähmaschine wartet immer noch auf ihre Jungfernfahrt.

Aber das ist ja mein Hobby, und wenn ich da gerade keine Lust drauf habe, dann habe ich jedes Recht, es zu lassen.

Genau wie alles andere.

Schlafen ist ja auch so eine Art Talent

Was habe ich denn heute nur gemacht?

Mittagsschlaf.

Seit dem Frühstück.

Immerhin etwas dabei gelernt: Ich kann bei Korpiklaani einschlafen. Und zwar relativ gut. Auch wenn das nun eine Musik ist, bei der man eigentlich nicht schlafen können sollte.

Im Traum hatte der körperlich kleinste Idiot, den wir haben, gekündigt, und ich frage mich schon den ganzen Tag, ob das ein Wunsch- oder Alptraum war. Ich hatte nämlich Zeit, soweit in mich zu gehen, weil ich mein neuestes Hobby Husten mittlerweile so gut wie aufgegeben habe.

Eine Lösung habe ich nicht gefunden, aber meine Haare gefärbt. Das wurde auch Zeit. Und so verging dieser Sonntag noch ruhiger als der Sonnabend zuvor.

Meine einzige Motivation, morgen zur Arbeit zu gehen, ist die Sehnsucht nach meinem Telefon. Ja, gut, die Rechnungen müssen raus, das ist für mich immer die schönste Zeit im Monat, aber ich habe heute auch festgestellt, dass ich, wenn ich mich jetzt wieder über meinen Chef ärgere, an einem Punkt angekommen bin, an dem ich vor acht Jahren schon mal war.

Und dahin wollte ich nie wieder zurück.

Wenn ich darüber nachdenke: Ich hätte lieber weiter gehustet, als zu dieser Erkenntnis zu kommen.

Na, wenigstens haben die Bronchien aufgehört zu rasseln, und das latente Vergiften des Körpers macht wieder mehr Spaß. Das werte ich jetzt mal als Verbesserung.

Und geschlafen habe ich an diesem Wochenende auch ausnehmend gut, möchte ich abschließend nochmals betonen.

Intelligent ist heute aus

Ich habe Wochenende.

Was mich im Moment eher weniger stört.

Es herrschte die absolute Stille in meinen heiligen Hallen. Weil ja mein Telefon im Büro liegt. So wurde ich lediglich durch ein paar Emails von Yvonne, dem alten Mann meines Vertrauens sowie von zwei Versuchen durch Katja unterhalten.

Der Rest des Tages war eine Anreihung von Mittagsschlaf. Ich bin aber auch erschöpft! Von der ganzen Ruhe zum Beispiel. Das war so schlimm, dass ich aus reiner Verzweiflung schon den Staubsauger aus seinem Kämmerlein geholt habe.

Ok, das war auch notwendig, weil das Wohnzimmer nach dem Bettenbeziehen einem geplatzten Hühnerstall glich. Jedes Mal, wenn ich meine Kopfkissen bewege, verlieren die nämlich ordentlich Masse. Und das ist ja kein Zustand. Zwar denke ich immer noch, die Kissen wären neu, aber mittlerweile ärgere ich mich auch schon zwei Jahre mit denen herum.

Und sie sind fast leer.

Außerdem hat jemand irgendwas darauf verschüttet. Und ich war das nicht. Wenn ich jetzt also nicht so ermattet von der Hausarbeit und wenn es noch nicht so spät am Abend wäre, könnte ich also schon wieder einkaufen gehen.

So ist das bei mir, wenn ich zwei Tage nichts eingekauft habe, denke ich gleich, ich hätte einen Wahnsinnshaufen Geld gespart, und dann muss ich das kompensieren. Keine Ahnung, ob das eine normale Verhaltensweise ist. Mit normal möchte ich sowieso nichts zu tun haben, aber das weiß man ja da draußen.

Und dass man das weiß, erklärt jetzt wieder einiges.

Eigentlich sollte ich heute einen intelligenten Text zu einer bestimmten Thematik schreiben, aber das kann ich gerade nicht, weil meine Lunge noch Nachwehen von der vorangegangenen Erkältung hat.

Ich kann die Finger über die Tastatur schicken und den Kopf in Ruhe lassen.

Ich habe nicht mal meine Brille auf.

Das heißt, das Korrekturlesen wird heute eine große Überraschung.

Wenn Schaukeln allein nicht mehr reicht

Ein Elefant ist vorbeigeflogen.

Er hinterließ auf diesem Wege einen weltenfüllenden Schiss auf unserer Schaukel.

Ich habe das nicht geträumt.

Und ich wundere mich unter diesem Gesichtspunkt auch überhaupt nicht, dass es wieder ein Tag wurde, an dessen Ende ich mir leider sagen musste: Ich habe keine Lust mehr. Ich ziehe in die Uckermark und schreibe Bücher. Ich kriege ein Kind.

Am liebsten ja alles zugleich. Da hilft es auch nichts, dass ich heute im Rahmen meiner Betriebsratsarbeit von allen Seiten gelobt wurde. Von Geschäftsführung und Kollegen! Weil ich die ketzerische Frage gestellt habe, warum in den verschiedenen Windrichtungen immer noch unterschiedliche Kostensätze gezahlt werden. Als ob das Leben im Osten wirklich noch billiger ist.

Vielleicht in der Uckermark, ja, aber nicht in Berlin. Und ich sage auch nur vielleicht, weil ich noch nicht nach Unterkünften in diesem schönen Landstrich gesucht habe. Was ich jetzt, wo ich völlig ohne Aufsicht zu Hause herumsitze, durchaus tun könnte. Gestern habe ich mir schließlich auch schon die elf Jobangebote aus dem Bundesland Mecklenburg-Vorpommern angeguckt.

Es war nicht ganz das dabei, was mir vorschwebt, was auch für die Wohnungen gilt. Erst dachte ich Oh, wow! Gemessen an Berliner Verhältnissen könnte man sich hier bezüglich Wohnkultur definitiv verbessern. Dann erst sah ich: alles Kaltmiete. Warm sind wir dann schnell wieder da, wo ich jetzt bin, mindestens, und wenn ich bedenke, dass ich sehr viel Wert auf meine Work-Life-Balance lege, dann würde ich mit meiner Teilzeitstelle vor Ort auch ein bisschen weniger verdienen.

Finanziell würde sich eine solche Umstellung aller Gegebenheiten also gar nicht lohnen. Aber mir geht es nicht ums Geld. Und mir tun auch die Leute leid, die keine besseren Prioritäten im Leben kennen.

Wir werden sehen, wo das alles hier hinführt.

Noch ist alles offen und für heute möchte ich erstmal nichts mehr wissen. Ich habe meine Tagespläne erledigt. Der Abwasch ist fertig, auf dem Herd köchelt was für morgen, und ich könnte nun theoretisch ins Bett gehen. Wenn ich auf die Uhr gucke, wundere ich mich, dass ich das noch nicht rein intuitiv vollzogen habe.

Aber ich habe nur noch ein eingeschränktes Sortiment an Zeitmessern vorrätig. Weil ich heute zum Zeitpunkt meines Feierabends so freudig erregt war, dass ich glatt mein Handy im Büro vergessen habe (hoffe ich, ich habe es noch auf dem Schreibtisch liegen gesehen und gedacht Einpacken! aber es war am Ende nicht in meiner Tasche).

Also, eine Uhr weniger. Wie komme ich da Montag aus dem Bett? Zwar habe ich herausgefunden, wie man den Alarm am Badezimmerwecker einstellt, aber der klingelt nicht.

Gut, bis Montag ist noch lange hin. Und ich kann die ruhige Zeit dazwischen mit meiner neuesten CD genießen.

Deswegen war ich ja so aufgeregt. Weil heute das neue Korpiklaani-Album erschienen ist und ich befürchtete, die im Internet angeführten sehr geringen Bestände würden bei meinem Eintreffen vielleicht erschöpft sein.

Und in dieser Angst schlug mir Renate vor, ich könnte doch die CD aus logistischen Gründen morgen kaufen gehen.

Morgen? Wie, morgen? Ich verstehe das nicht. Sagte ich. Ich brauche die heute.

Ja, ok, ich habe ein paar Euro mehr ausgegeben, weil es nur die limitierte Digipak-Version gab. Und weil man bei Saturn einen Toilettenautomaten anstatt der alten Untertasse aufgestellt hat. Und die CD ist, nun ja, sehr folkloristisch, aber das macht nichts. Ich hab sie, sie hat mich.

Jetzt wiederholen wir das noch mit der Uckermark und den restlichen Lebensplänen.

Dann sollte eigentlich alles gut werden.

Auch für ein mittleres Wunder wäre ich jederzeit zu sprechen.